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„Sammeln Sie Punkte?“ (Februar 2014)

“Tut mir leid, ich weiß, ich bin eine ganz schreckliche Kundin.”, zerknirscht schaute ich auf das Mädchen von Kasse Vier und zuckte bedauernd mit den Schultern. Sie schaute mich mit einer Mischung aus Erstaunen und Belustigung an und sagte:” Das haben aber SIE jetzt gesagt…”, und ließ damit offen, ob sie mir zustimmte oder nicht. What happened? Ich hatte meinen wöchentlichen, verhassten Schnelldurchlaufeinkaufsmarathon fast geschafft. Die erworbenen zum Verzehr gedachten Sachen waren vom Band schon wieder in einem dieser linksdrallunschiebbar rollenden Monstereinkaufswagen verschwunden. Diese für Bewegungslegastheniker entwickelten Impulskontrolltestwagen, deren Tiefe etwas vom unendlichen Ozean hat. Die Hobbitblondinen gerne mal nach Luft schnappend mit herausquellenden Augäpfeln, hervortretenden Schläfenadern, halb im Wagen hängend mit zappelnden Beinchen in der Luft,  um Balance und Wiedererdeintritt bemüht. Verzweifelt gereckten Ärmchen und verkrampften Händchen, die nach der Ware fischen, um sie auf ein übervolles Laufband in Richtung Kassiererin zu hieven. All das, inklusive des freundlichen Durchwinkens eines älteren Pärchens, das nur ein einziges Teilchen in der Hand hielt und sich zwar seufzend, aber geduldig hinter mir einreihen wollte. Im Prinzip fing damit mein Elend an. „Sie“ bedankte sich und bezahlte, jetzt wäre ich an der Reihe gewesen- eigentlich. „Er“ zu der lächelnden Kassiererin:”Das ist aber selten.” Ich innerlich schon längst beim nächsten Tagespunkt, merkte erst spät, dass Beide mich anschauten und auf eine, wie auch immer geartete Reaktion auf eine, wie auch immer lautende Frage warteten. Ich hob die Augenbrauen und schaute noch fragender in diese rätselhafte Welt als sowieso schon. „Er“ schaute mich an, tippte mir freundlich auf die Schulter und sagt, etwas lauter und langsamer, da er nicht wusste, ob ich nur taub oder einfach etwas niedlich im Kopf oder gar Beides sei:”Ich sagte gerade- DAS macht nicht Jeder!” Ich schau ihn an:”Ich bin ja auch nicht Jeder.” „Herrmann! Der war gut!!!“.Die beiden Frauen hinter und vor der Kasse wollten sich nur so wegschmeißen vor Lachen, ich begann meine Freundlichkeit zu bereuen. Hermann ging es aus anderen Gründen vermutlich ähnlich, sah er sich den hysterisch kichernden Frauleuten und ihren Kommentaren ausgesetzt, wohlwissend, dass er auf den nächsten Kegeltreffen immer wieder diese Geschichte zu hören bekommen würde. Irgendwann war ich dann aber endlich an der Reihe.

„Könnten sie mir die Nummer auf ihren Einkaufswagen kurz sagen?“ Seit wann haben Einkaufswagen Nummernschilder?- Egal, ich nannte den vierstelligen Zahlencode und wozu auch immer meine Postleitzahl. War ich des Wilderns in fremden Konsumtempeln überführt worden? Und war das strafbar? Keine Zeit das Abfragen dieser Daten und die möglichen Folgen zu hinterfragen. Waren wurden im Akkord gegriffen, gescannt, mit Mörderpieps auf ein weiteres Band bugsiert, in den Wagen geworfen und nach fünf schweißtreibenden Minuten, ging es nur noch ums Bezahlen. “Karte oder Bar?”, berechtigte Frage aus Kassierersicht. “Karte!” “Unser Lesegerät ist neu….”, also bekam ich eine 1A Einführung in die Bedienung von Kartenlesegeräten, als hätte ich so ein Teil noch nie in meinem Leben benutzt. Lächeln, sie meinte es nur gut und ich bin blond. „Kassenzettel?“ „Sehr gerne.“ Sie hielt nur noch meinen Kassenzettel in der Hand und gerade als ich danach greifen wollte, drehte sie sich weg, kramte irgendwo herum und tauchte wieder auf. In der Hand einen Stapel kleiner Tütchen, die sie winkend in meine Richtung hielt. “Sammeln sie die Sticker?” “Nein!” Sie drehte sich wieder weg um die Tütchen wieder verschwinden lassen. Hinter mir aufgeregtes Räuspern:”Entschuldigung, dürfte ich die wohl haben?” “Ja klar.” Die Kassiererin zählte erneut Tütchen, mein Eis schmolz in den unendlichen Weiten meines Einkaufswagens, meine Geduld hinter den unendlichen Weiten meines Stirnlappens. “Danke!!” “Sehr gerne…” Ich wand mich wieder dem Kassenmädchen zu.”Haben sie eine Kundenkarte von uns?”  „Nein?!!!”  „Soll ich Ihnen eine..” “Nein!!”, unterbrach ich sie recht rüde.  „Okay?!  Payback Punkte?” Ich schaute sie mir genau an und achtete dabei auf jede noch so verräterische Zuckung, aber sie schaute fragend, freundlich und so als wenn sie den ganzen Kram wirklich so meinte. “NEIN!!!! Und ganz gleich was jetzt noch kommt-NEIN, DANKE!!! Bitte, ich sammele nur Kassenbons und den hätte ich jetzt gerne!” Etwas beleidigt reichte mir die gute Frau meinen Kassenzettel und ich gab vor ihr und der Welt zu, dass ich eben eine ganz furchtbare Kundin sei. Ich schnappte mir meinen Kassenzettel und schenkte mir den Bäcker. Dort standen, gut sichtbar auf der Theke, irgendwelche Gratisfutterproben und Rabattangebote herum, deren Ablehnung mich den Rest meiner Impulskontrolle und Freundlichkeit gekostet hätte. Ich schob mein blockierendes Wagenmonster so schnell ich es vermochte durch die doppelten Glasschiebetüren, erst als diese hinter mir schlossen und ich wieder im hellen Tageslicht stand, verlangsamte ich mein Tempo in Richtung Auto. Mal ehrlich, war das schon immer so, dass der Akt des Bezahlens, länger dauert als der gesamte, beknackte Einkauf? Früher war einfach die Bonrolle zu Ende, innerlich bat ich alle Mädchen von Kasse Vier um Abbitte für mein damaliges ungeduldiges Verhalten. Ich konnte ja nicht ahnen, wohin uns das angeblich so zeitsparende, digitale Zeitalter führen würde.10440234_530388013733828_2241092632119732593_n


 


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