„Die alten Leute sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.“ I

Kennt Ihr das? Wenn man denkt, man sei der/die Größte? Also natürlich nicht einfach nur so, wach werden und denken, „Ich bin’s .“ Dazu müsste ich 14 sein oder ein Kerl. In meinem Alter denke ich das sehr, sehr selten. Also fast nie. Und dann auch nur, wenn ich Etwas in meinen Augen Herausragendes geschafft habe. Wenn ich beispielsweise die streikende Jura auseinander gebaut, Fehler behoben und wieder funktionsfähig zusammen gebastelt habe, weil der Kaffeevollautomatenhorst einfach 14 Tage lang nicht zurück ruft. Die kleine Diva dachte kurzfristig,  sie sei auf Schalke und ihre fehle die Schale. Wäre mir soweit egal gewesen. Leider erwies sich ihre hartnäckige Annahme als Phantomschmerz, da die Schale brav an ihrem Platz verweilte und auf ihren Einsatz wartete. Problem an einem Kaffeevollautomaten mit dieser seltenen Persönlichkeitsstörung ist, dass er sich den Verlust der Schale so intensiv vorzustellen vermag, dass er jede weitere Amtshandlung in Richtung Kaffee kochen direkt einstellt. Für eine Highteckaffeemaschine ist ein Leben ohne Schale schlichtweg unmöglich. Ein unhaltbarer Zustand. Also als Endglied in dieser Nahrungskette auch für mich. Ich habe meinen Kaffeekonsum auf drei Tassen pro Tag reduziert, aber auf einen kalten Entzug war ich nicht vorbereitet und auch absolut nicht bereit. Also Tutorial des Herstellers angesehen und los gelegt. Nach zwei Stunden Frizzelei und intensiver Innenreinigung jeder noch so kleinsten Ecke des Gerätes von Kaffeebohnenresten- Jura läuft, Kaffeeduft durchströmt das Haus. Ich bin die Beste. Oder als ich die elektrische Jalousie repariert hatte. Vier Stunden, mit Verkleidung abbauen, Panzer der alten Schabracke wieder mit Hämmerchen richten, Rolle wieder in Halterung zurück hieven, elektronische Kontakte reinigen, Verkleidung wieder anbauen und streichen. Das Ganze in 2 Meter Höhe und mit Gewichten, die in Etwa meinem Körpergewicht entsprechen. Schalter gedreht, Jalousie läuft. Vor Begeisterung vier Runden Jalousie gefahren, eigenen Bizeps geküsst- Ich bin die Größte. UND- Mal eben 350.- Ocken  gespart. Eine Blondine im Haus ersetzt den Elektriker. Spielend. Also mit diesem Hochgefühl ins Auto gehüpft und zum Lebensmittelgeschäft in den nächsten Ort gefahren, an Parkscheibe gedacht, sauberen, geradeaus laufenden Einkaufswagen gegrabbt und  mit engelsgleich wehenden Haaren in den Laden geschwebt. Die Schranke zum Verkaufsraum öffnete sich in einem magischen Akt um mich in den Tempel des Konsums zu entlassen. Abrupt wurde meine Fahrt unsanft gestoppt. Die erste Abteilung in jedem guten deutschen Lebensmittelhandel ist die appetitlich angerichtete Obst- und Gemüsetheke. Als Ökostange immer ein wichtiger Haltepunkt auf meiner internen Einkaufsliste. Direkt vorne links steht in diesem Discounter immer die Rentnerquengelware. Diesmal waren es zwei große Aufsteller mit rotbackigen, glänzend polierten Äpfeln. Vor den vermeintlichen Schneewittchentötern unvermeidlich zwei ältere Damen. Hermine und Gertrud. Beide irgendwas in den 80ern, beide nicht gut zu Fuß. Aber eine OP käme laut gemeinsamer Aussage  nu auch nicht mehr in Frage, wegen Herz, Diabetes, etc.pp. All diese datenschutzrechtlich relevanten Informationen, ergaben sich durch ein in 175 Dezibel geführten Dialoges mit einem älteren Herrn, der auf der anderen Seite der Frischobstkühltheke mit seinem motorisierten Bobbycar der nervtötend vor sich hin piepte, um anzuzeigen, dass er sich im Rückwärtsgang befand. Das Piepen schien außer mir Niemandem aufzufallen, wurde einfach durch Anheben der brüchigen Stimmen, übertönt. Hermine, selbstbewusst mit Rentnerporsche. Ein Gerät, das laut Gertrud, irgendetwas um die 90, nur was für alte Leute sei. Sie hatte ihren Stock quer über und ihren Oberkörper auf die Stange der Einkaufskarre gelegt, ihr wogender Busen streifte auf diese Art bei jedem Schritt kurz ihre Knie. Natürlich nur, wenn sie sich vorwärts bewegte. Derzeit war daran nicht zu denken. Hermine hatte die Äpfel entdeckt und die Einkaufstour erstmal unterbrochen. „Gertrud!!!?.. GÄRRRRRTRUDDDDTT! Äppel! Brauchst du Äppel?“ „WAS???“ „ÄPPPPPELLLLL! Elstar!“ Zur Unterstreichung ihrer Offerte, hielt sie einen besonders runden, schönen, rotbackigen Apfel in Richtung der etwas störrischen Freundin. „Elstar- die nehme ich immer. Oder Boskop.“ Getrude hatte angebissen und wackelte vorsichtig trippelnd die drei Schritte die sie vorne weg geschossen war, wieder zurück. Die beiden Elstarsisters blockierten selbstredend den Gang. Die Schranke öffnete und schloss sich in dem sie mir in 30 Sekundentakt in den Rücken fiel. Ich räusperte mich. Keine Reaktion. Hermine nahm einen Apfel nach dem anderen aus den Stiegen, hielt ihn so nah an ihre Äuglein, dass ich endlich eine Erklärung für den Begriff „Tomaten auf den Augen haben“ bekam und drückte ihn mit ihren krummen gichtigen Fingern auf seinen Frischegrad. Keiner schien knackig genug für die alten Knacker, keiner duftete so wie früher, weißt du noch… Ich räusperte mich noch einmal merklich und wand mich an die beiden buckeligen Rücken in altrosa Nylonpullovern, die mit Verlaub, im Gegensatz zu den mittlerweile durchweg matschig gedrückten Früchten, ein wenig unangenehm müffelten. „Entschuldigung!??“ „Dürfte ich mal eben?..“ , sie ignorierten mich, mir erstarben die Worte im Hals und ich beschloss, einfach stumpf abzuwarten bis die beiden alten Damen den Besuch bei den Elstaren von sich aus beenden würden, um weiter in den warmen Süden zu ziehen. Hey, kein Problem- ich war die Größte. Ich hatte extrem gute Laune, ich dachte kurz an meine Heldentat und lächelte. Wir hier in Tennessee hatten verdammt viel Zeit. Also fasste ich mich in eine mir eher untypische Geduld. Sie sortierten weiter Äpfel, inzwischen hatten sie jeden einzelnen wohl mehrfach gequetscht, berochen, gedreht und wieder zurück geworfen. Irgendwann nahm Jede von den beiden kritischen Obsttestern mit viel Aufwand je eine Plastiktüte, weil die ebenfalls vorhandenen Papiertüten ja gar nix taugten und immer rissen beim Tragen. Sie entschieden sich nach kurzer Diskussion Jede für je einen Apfel, steckten jeden in je eine milchige Plastiktüte, verknoteten diese sehr sorgfältig und legten sie endlich in den Einkaufswagen von Gertrud. Gerade als sie sich tatsächlich in eine Art Vorwärtsbewegung verfallen wollten, entdeckten sie mich, immer noch lächelnd wartend in ihrem Rücken. Sie schauten mich an und machten unwillig Platz für mich und meine Karre. Ich wollte mich gerade bedanken, da schaut Hermine mich böse an, blickt in Richtung ihrer Freundin, schüttelt unwillig den Kopf, nickt abfällig in meine Richtung und kräht in ihrer heiseren, hohen Altweiberstimme:“ Was `ne doofe Kuh!“ Gertrude nickt zustimmend und die Beiden wackelten von dannen. Mir klappte der Kiefer runter, ob so viel Frechheit. Ich war sprachlos und das bin ich selten. Was war bitte schön mein Fehler? Ich dachte, ich hätte alles richtig gemacht. Höflich gewartet, freundlich geblieben. Normalerweise hätte ich die Beiden mit Blicken von hinten so lange durchbohrt, bis sie freiwillig Platz gemacht hätten, sich vor Angst ins Tenahöschen gemacht oder Tod umgefallen wären. Da bist du einmal nett- Was stimmt denn nicht mit mir?? Hallo- ich habe unsere Jalousie repariert- ALLEINE! Und was habt ihr heute schon geleistet? Dem Tod mal wieder von der Schippe gefallen? Ich weiß, das ist Böse, aber mal ehrlich, die alten Leute von heute sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Ich war echt ein enttäuscht und auch ein bisschen traurig. Wo sind die lieben alten Omas hin? Natürlich bin ich den zwei Stänkerelsen danach hinter jedem zweiten Regal in die Arme gelaufen und ich hatte etwa acht passende, vernichtende Antworten. Aber ich habe sie herunter geschluckt. Im Gegensatz zu den Beiden, bin ich wirklich zu Höflichkeit und Respekt gegenüber älteren Menschen erzogen worden. Ach wenn sie Nichts mehr mit den guten Alten meiner Zeit zu tun haben, Alle Hooligans mit Rollis und Stöcken bewaffnet, Rentnerterroristen auf Morphium und  Eierlikör. Und Obacht – Es werden immer mehr!

Über heikehillebrand

Blonder Hobbit mit Mitteilungsbedürfnis. Zeige alle Beiträge von heikehillebrand

Meinung? Gerne.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Rummelschubser

Ein Rummelschubser vs. Glioblastom et alia

beastieblonde

"Loriot is always sitting on my shoulder"

Arno von Rosen

Buch Autor

teamocomics

Comics, Illustrationen und Musik mit Blechbart, Ninja-Affen, Einhörnern und Glitzer

seppolog

Irrelevanzen aus Münster.

%d Bloggern gefällt das: