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Black Screen (August 2013)

Ich denke manchmal mitleidig an den armen Loriot, der sich permanent blaue Flecke holen muss, wenn er mal wieder lachend von meiner Schulter kippt, weil ich seine Regieanweisungen so blondbrav eins zu eins in meinem Leben  umsetze und seine Kraft nicht ausreicht, um sich in mir festzubeißen. Gestern früher Nachmittag, ein  pupnormaler Wochentag, abarbeiten meiner Mails vorm Laptop. Inmitten aller Verbraucherinformationen, Lebensberatungsangeboten, Gewinnbenachrichtigungen, eindeutig zweideutigen Nachrichten von  lasziven Lederludern, erschien unverhofft eine wirklich interessante Email. Inhalt – ein attraktives Angebot für ein mögliches Casting bei einer kleinen Fernsehproduktionsfirma und der Bitte, zeitnah meine Kontaktdaten für ein persönliches Gespräch an sie weiter zu leiten . Ich mailte also flugs mit fliegenden Fingern alle möglichen und unmöglichen Arten der Kontaktaufnahme. Die Mail ging raus und eine Sekunde später, flog ich aus dem Netz, black screen. Böses ahnend nahm ich den Telefonhörer unseres Festnetzes zur Hand und lauschte in die Stille- tot. Das Ding in meiner Hand anklagend in die Luft reckend, rannte ich zu unserer Haustür, riss sie speerangelweit auf, sprang auf die Auffahrt. Ich atmete hörbar ein und fragte mit aller Höflichkeit, die noch in mir verblieben war, den netten jungen Mann vom Hoch- Tiefbau im Kanal vor unserer Einfahrt, ob er eventuell, vielleicht, ganz zufällig unser Telefonkabel gefunden hätte?- Er bückte sich tief in seinen Graben und tauchte mit hochrotem Kopf, bedauernd schauend mit zwei baumelnden Kabelenden aus dem Baggerloch in den Händen wieder auf. Der gute Mann erklärte lang und breit, dass dies eigentlich gar nicht sein könne, weil dort gar kein Kabel verzeichnet sei und dass sein Kollege auf dem Bagger es wohl nicht hätte sehen können, selbst wenn es verzeichnet worden wäre, etwas was  selbst ich nachvollziehen konnte. Letztlich änderte all das nichts an der Tatsache, dass wohl aus unwägbaren Umständen das nicht eingezeichnete Kabel brutal und endgültig getrennt wurde. Klasse. Ich hatte ja schon länger nicht mehr das Vergnügen mich per Handy in die lustige Warteschleife der magentaroten Telefongesellschaft einzuloggen und mich dort häuslich nieder zu lassen- arrrrgghhhh !!! Natürlich hagelte es nebenbei Vorwürfe vom besten Sohn, weil offensichtlich ich die Schuld an einer internetfreien Gestaltung seines eh schon bescheidenen Tages trug?? Auf „Sorry- chill mal!!“, sein höchsteigenes Rezept für alle meine Ausbrüche, Forderungen und Vorwürfe, reagierte er merkwürdig gereizt, geradezu unentspannt?? Na ja, um die Geschichte abzukürzen, ich konnte die Warteschleife irgendwann wieder verlassen und ich musste nur meine nicht vorhandene Seele und mein imaginäres zweitgeborenes Kind dafür verkaufen. Heute kam dann gegen Mittag, erstaunlicherweise kurzfristig, ein outgesourcter Prinz im silbernen Caddy, ein abgesandter Ritter der Magentakokosnuss. Er katapultierte mich tatsächlich wieder in die Zivilisation zurück- für etwa fünf Minuten. Fünf glückliche, produktive Minuten in denen ich natürlich schnell mal eine Email an besagte Person mit dem interessanten Angebot schrieb: „Ich bin ab sofort wieder erreichbar!“- und zack flog ich achtkantig aus dem Netz. Wieder zum Festnetz gespurtet, wieder mit dem toten Kommunikationsknochen wedelnd auf die Straße. Der sehr freundliche, aber auch sehr ratlose Prinz mit großen magentarotunterlaufenen Augen sagte: „Keine Angst- wir kümmern uns, aber jetzt muss ich erst mal weg!“, und entschwand mit durchdrehenden Reifen. Also wieder von der Außenwelt abgeschnitten und diesmal sehr pessimistisch, ob ich den davon galoppierenden Caddykönig wohl jemals wieder sehen würde. Die mitleidigen Blicke der „Hoch-Tief –Misereverursacher“ beunruhigten mich zusätzlich. Gegen 15 Uhr 10 klingelt mein Festnetzanschluss- welch erlösenden Klänge! Am anderen Ende der Gott der Kabelstrippenzieher, stolz wie Bolle: “ So jetzt sind sie wieder drin!“ Was war passiert? Er hatte, obwohl er dies vorher vehement bestritt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, die reparierten Kabel beim Verschweißen leider zum Kochen gebracht und verschmort. „Das sei noch nie passiert!! In 30 Jahren nicht!!“- Natürlich nicht, außer bei uns- Loriot biss sich gerade in meiner Schulter fest, um nicht lachend abzustürzen.

Nachtrag

Vier Wochen später.

Ich war tatsächlich zum Casting eingeladen und ich hatte auch voll die Personality und war auch irgendwie ein Typ, aber leider hatte Kleidi Humm kein Foto für mich.


Rummelschubser

Ein Rummelschubser vs. Glioblastom et alia

beastieblonde

"Loriot is always sitting on my shoulder"

Arno von Rosen

Buch Autor

teamocomics

Comics, Illustrationen und Musik mit Blechbart, Ninja-Affen, Einhörnern und Glitzer

seppolog

Irrelevanzen aus Münster.

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