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„Ich glotz TV…“

Wer mich kennt, weiß, dass ich im Fernsehen nur wenige Dinge mit wirklichem Interesse verfolge. Dabei mache ich schon erhebliche Unterschiede in der Art, wie intensiv ich dem Geflimmer folge oder nicht. Kochsendungen laufen fast immer eher im Hintergrund, während ich meine Priorität und Aufmerksamkeit auf andere Tätigkeiten lenke. Als bekennende Singletaskerin kann ich mich immer nur auf eine Sache konzentrieren. Der Fernseher läuft, damit mir nicht so langweilig ist, beim Bügeln, Kartoffeln schälen oder beim Tippen eines Blogbeitrages, aber ich muss mich trotzdem extrem anstrengen, weder Verbrennungen zu erleiden, Fingerkuppen zu kupieren oder noch mehr Rechtschreibfehler als handelsüblich in einen Beitrag einzubauen. Gerade aktuell läuft im Hintergrund „Nigellissima“ im Originalton. Eine dunkelhaarige Engländerin aus dem Herzen des hippen London mit italienisch- jüdischen Wurzeln, die dem geneigten Zuschauer gerne ihre „Double D Hips and Boobs“ durch die Kamera entgegenhält, um zu sagen- Tja, was eigentlich? Hallo, ich bin Nigella L. und ich habe Möpse? Der gestressten, berufstätigen Hausfrau und Mutter, die mit strähnigen Haaren, dunklen Augenringen, Pickeln wie in der Pubertät, weil gerade mal wieder Hormonanarchie den aufgeschwemmten Körper beherrscht, mit gesprungenen Gartenarbeitshänden und kurz gefrästen gesplitteten Fingernägeln eine kurze Inspirationspause vor dem TV fröhnt, impft sie ein so unfassbar beschissenes Gefühl von Unzulänglichkeit ein, das man fast vergisst, dass es sich lediglich um eine strunzdumme Kochshow handelt. Sie schwebt stets ins sonnendurchflutete, weichgezeichnete Bild, in ihrem perfekten Haus, mit ihrer sauber blitzenden Küche, um mit ihrer melodiösen Stimme, den perfekt gestylten Sophia Lorenlocken über einem Gina Lollobrigida Abendmake Up, simple crossing over Kochrezepte zu zu bereiten. Ich habe immer noch keine Idee, ob sie sich selbst karikiert oder sich mit ihrer Safersexseidenmorgenmantelkochpornoinszenierung, die vermutlich in den 50ern zensiert oder gar auf den Index gekommen worden wäre, in der Jetztzeit jedoch so unglaublich Hausbacken wirkt, wie dereinst „Johnny und Baby in Die tanzende Dörhte“ in den 80ern, wirklich frauenbitterernst nimmt? Egal, sie ist sicherlich unterhaltender als die meisten deutschen ein bis zwei Sterneköche, die anbiedernd, arrogant, abturnend durch sämtliche Programme huren und sich und die Welt mit ihrer persönlichen, stammelnden Nabelschau langweilen. Ich frage mich dann immer: Wer zur Hölle kocht eigentlich in ihren hochdekorierten Restaurants? Und nimmt die Aufnahme von Nahrungsmitteln eines Tages eine Dekadenz an, die jenseits von allen guten Geistern oder des guten Geschmackes abläuft? Gibt es vielleicht in dem ewigen höher, besser , seltener Wettlauf von Sterneköchen und einem nimmersatten, überfressenen Publikum mit einem perversen Hang zur hochpreisigen Exotenvöllerei eine übergeordnete Ethik? Eine rote Linie, die man nicht überschreitet, obwohl man es sich leisten kann? Egal, ich schau TV, und bevorzugt Nachrichten bei den Öffentlich Rechtlichen, Krimis, wissenschaftliche Dokumentationen und Kochsendungen. Letztere sind die beste Untermalung für alle anderen Tätigkeiten mit nicht unerheblichen, schmackhaftem Nebeneffekt. Man lernt so ganz nebenbei neue Rezepte, bekommt Anregungen, was Blondie mal so kochen könnte und nützliche Tipps zum wunderbaren Kochhandwerk. Ist doch cool wenn man lernt, dass man einen Granatapfel mit einem Löffel so lange verkloppen kann bis dieser beginnt seine blutig roten köstlichen Kerne in die Schüssel zu spucken. So einfach, so genial, so befriedigend. Aus meinen experimentellen Kochexkursionen entstehen immer öfter genießbare Speisen. Dabei bin ich immer ziemlich tiefenentspannt und unambitioniert. Schmeckt nicht- Gibt es! Ist aber kein Beinbruch, bin ja kein Koch. Heißt, solange ich mich hinstelle und den Hausfrauentriathlon (Beute erlegen, Beute Heim schleppen, Beute zubereiten) alleine wuppe, dabei meine Zeit, weibliche Manpower und hart erarbeitete Zahlungsmittel investiere, muss mein potentieller Gast mit dem servierten Ergebnis leben. Er muss auch damit leben, dass ich weder davor , noch während dessen oder gar danach, aussehe wie Nigella. Fakt ist, wem oder wenn es nicht gefällt oder mundet, steht es hier Jedem frei, es besser zu lösen oder den Literservice zu bemühen. Ich habe in den letzten Jahren ein natürliches Talent fürs Kochen an mir entdeckt, das mich wohl am Meisten erstaunt und echt begeistert. Ich denke seit einiger Zeit, dass meine offensichtliche Begabung für das „Learning by watching“ ausbaubar ist. Schnell entschlossen, wie es meiner Natur entspricht, habe ich für mich entschieden, dieses Talent nutzbringend einzusetzen. Allerdings immer unter der Prämisse, dass ich sicherlich zu Höherem berufen bin. Also mal ein bisschen weg vom banalen Kochen, weit weg. Gewissenhaft wie es meiner Natur entspricht, habe ich mir in meinem neuen , zukünftigen Tätigkeitsfeld mal so ein , zwei Dokusoaps zur Gemüte geführt und denke, dass ich nun perfekt vorbereitet bin. Dummerweise fehlten noch passende Werkzeuge, aber manchmal hilft der Zufall den Tüchtigen. Ein neues Bild, das es aufzuhängen galt, führte mich unerwarteterweise geradewegs in die Tiefen unseres Kellers. Siehe da, zu meinem absoluten Entzücken stellte ich fest: Alles da! Es war immer dort und hatte nur auf mich gewartet. Auf mich und meinen großen Moment.
Wenn der beste Kerl gleich erschöpft und ausgelaugt von der Arbeit nach Hause kommt, habe ich schon einmal etwas für den Liebsten vorbereitet. Abdeckfolie liegt bereits auf dem Esszimmertisch, das Stabilste der Cuttermesser ist mit neuen Klingen bestückt, Seitenspanner, Zangen und Kabelstrapse sind bereitgelegt, Tacker gereinigt und aufgefüllt, die Sprühkleberdose frisch aufgeschüttelt. Ach ja, eine Flasche Wodka und einen Holzhammer habe ich auch noch gefunden. Ich schlüpfe noch schnell in etwas bequemeres, abwaschbares, ohne Nähte. Ein blütenweißer Jumpsuite aus durchscheinender Zellulose ohne was drunter, scheint mir der Situation angemessen. Wahrlich- Besser kann man gar nicht vorbereitet sein. Ich bin so was von gespannt auf die überraschten Äuglein meines geliebten Mannes, wenn er nichtsahnend die Tür öffnet, strahlend den Raum entert, sich kurz umschaut und bevor er die Situation überblickt oder gar einen Gruß flöten kann, ich mich auf ihn stürze, die Sachen vom Leib reiße, ihn rückwärts drängend, auf den Esszimmertisch werfe, seine Hände und Füße mit Kabelstrapsen fixiere, ihn mit dem laktosefreien Sahnesprüher einsprühe, den Einmalhandrasierer hervor zaubern um in von störender Körperbehaarung zu befreien, um mich dann lasziv mit Wodka zu übergießen, bevor ich mich in einen Latexganzkörperhandschuh pelle. Ich werde ihm zärtlich zuraunen, dass er langsam von sechs rückwärts zählen möge, um ihn dann zärtlich, aber bestimmt mit dem Holzhammer zu betäuben und mit dem Rest aus der Wodkaflasche zu desinfizieren. Das wird so aufregend! Ich spüre ein erregendes Kribbeln in mir und eine Gänsehaut macht sich über meine Arme breit. Meine Nackenhaare sind leicht gesträubt und was ist das?- Habe ich etwa Nippelalarm?????
Wie bitte? Welche Doku ich gesehen habe? Na, das ist doch offensichtlich:
„48 Stunden in der Kardiologie“ und „ Erste Schritte für eine erfolgreiche OP am offenen Herzen“.
Ach ja, und ein, zwei Folgen „Dr.House“, von wegen des richtigen Habitus, so als Herzchirurgin , blonde Göttin in Schweiß. Und ja, ich beherzige natürlich den Ratschlag einer Freundin in Vorbereitung einer so großen Nummer, mindestens eine komplette Staffel „Der Tatorteiniger“ zu sehen und das Gesehene zu verinnerlichen.
Aber Pssst- Ich muss jetzt aufhören, ich höre sein Auto die Einfahrt hochfahren…..


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Ein Rummelschubser vs. Glioblastom et alia

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