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„It started with a F. „

Alles begann mit einem blinkenden „F“ auf dem Display meiner Dunstabzugshaube. Nein, eigentlich begann alles mit dem warm blinkenden Stern, dem ersten Kreischen der zurück kehrenden Kraniche, die den Blick nach oben lenkten, an den noch winterlichen Himmel. Zwei Tage Frühling, mitten im Winter. Erstes zartes Vogelgezwitscher, rasende Eichhörnchen, sich schnatternd verfolgend auf ihren Autobahnen aus Ästen und Zweigen, rasend schnell und zahlreich wachsende, hochhaushohe Maulwurfshügel auf dem Rasen hinter dem Haus. Mit einem Schlag wird einem auch bewusst, dass in diesen Häusern links und rechts von uns tatsächlich auch Menschen leben. Im Winter kann ich diese Tatsache ziemlich gut verdrängen, bis auf wenige bizarre Begegnungen mit blinkenden, leuchtenden Vierläufern an denen zwangsläufig ein taschenbelampter Zweiläufer hängen muss und einen Gruß ins Stockdunkel an einen unerkannten Nachbarn, lebt es sich hier wie auf einer Insel der einsamen Glückseligkeit. Kaum jedoch blitzt der erste Sonnenstrahl durch die graue Winterwolkendecke, kriechen sie unter ihren Heizdecken, hinter ihren Öfen und aus ihren Winterdepressionen hervor und tauchen mit wahlweise grauen oder der Farbe ihrer Couch gefärbten, fahlen Gesichtern in ihren Vorgärten auf. Normalerweise könnte ich auch das ignorieren, aber sie kommen nicht leise und allein, sie sind meist zu Zweit und bewaffnet. Sie tragen Leitern, Kettensägen, Hochdruckreiniger und Häcksler, brüllen sich Gärtnerweisheiten zu, in einer Lautstärke, die ihr jeweiliges Gartengerät übertönen muss. Da werden Sträucher beschnitten, Grünschnitt geschreddert, Laub verblasen, Einfahrten gekärchert, Leitern in schwindelerregenden Höhen bestiegen, um verdreckte Dachrinnen zu reinigen, Hunde aus Kellerregalen geräumt, abgestaubt und zum ersten Gassi des Jahres ausgeführt. Was für ein emsiges Treiben um uns herum. Die Hauseinfahrt kärchern? Den Dampfreiniger anwerfen und alles bedampfen, das nicht bei Drei aus den Räumen ist? Nein, ich bin doch nicht bekloppt. Schließlich ist es erst der 1. Februar. Mein Name ist Lieutenant Trulla, ich bin die einzige Frau auf der Kommandobrücke unseres Raumschiff EnterPride. Wir schreiben das Jahr 2017 in unser Logbuch. Wir sind seit fünfzehn Jahren auf diesem kleine Flecken des Planeten Erde gestrandet und unsere Erfahrung hat uns gelehrt, der Winter schlägt zurück. Immer. Und immer dann, wenn keiner mehr mit ihm rechnet und vor allem, keiner Bock mehr auf ihn hat. Ich schwebte lautlos, also fast lautlos, in meinem Raumgleiter mit einem überlegenen Lächeln, an all den Verdammten des Gartens, vorbei. Grüßte mit einem lässigen „Live long and prosper“ Vulkaniergrußhändchen in die schuftende, schwitzende, schnaufende Menge, die mit blutunterlaufenen Augen ihrem Wahn frönten. Nicht mit mir, eine schmeichelnde Stimme der Herablassung, pfiff ein freches Lied der Arroganz hinter meiner freundlichen Miene. Ich betrat meine geliebte Höhle. Hund und Katerkinder versorgen, Kaffee ziehen, sinnierend aus dem Fenster ins Graue schauen. Waren das Flecken auf dem Fensterrahmen? Flugs das Glasspray im Anschlag, Wrrrrrrrr, die Papierrolle surrt, während ich sie gekonnt über einem Finger abrolle. Nur eben die Flecken entfernen.. Zwei Stunden, zwei Etagen, 18 Fenster später. Mein Name ist Lieutenant Proper, ich bin die einzige Putze auf unserem versifften Schiff. Alle Fenster sind so rein und  klar, wie unsichtbar. Ein gutes Gefühl, nun schnell ein Häppchen kochen für die Crew. Alles geschnippelt, in Töpfe geschmissen, zusammen gerührt, über die Warpgeschwindigkeitsstufe zum Kochen gebracht und gegen den Wasserdampf an den frisch geputzten Scheiben, flugs die Mörderabzugshaube angeworfen. Wieder einmal bass erstaunt, dass das futuristische Teil an der Wand in der Lage ist, auf Stufe 1 meine Haare samt Schädeldecke und den letzten zwei Synapsen problemlos einzusaugen. Bei Stufe 4 entsteht im gesamten Haus ein Unterdruck, der die Wände unaufhaltsam zu einander zieht und bei geöffneten Fenstern wildfremde Passanten, Fahrzeuge, Flugzeuge und die Biokühe unseres Nachbarn in das unfassbare Vakuum zieht, um sie auf Spielzeuggröße einzudampfen. Ich schaute bewundernd zu dem Geruchsquirl auf, seine schwarze, stylische Glasoberfläche spiegelte mein ungläubiges, entsetztes Gesicht. Dort wo ansonsten zuverlässig der Stärkegrad der Ansaugfunktion seinen Platz hatte, blinkte ein „F“. Das hatte sie noch nie gemacht. Ein „F“, was wollte mir das sagen? „F“ wie Februar? Frühling? Falsch? Failed? Fleisch? Fuck You?

„Was?!!“, schnauzte ich sie etwas genervt und sicherlich auch ungerechtfertigt an. Keine Antwort, ausser das gleichmäßige Geräusch der Motoren. Na toll, ich drückte erst mal alle verrückten  Displaykombinationen, die möglich waren. Ohne Erfolg, das nervige „F“ für „Fersagerin“, blieb. Seufzend machte ich mich auf die Suche nach meiner Brille und öffnete die Schublade in der ich sämtliche Gebrauchsanweisungen für die Küche gebunkert hatte. Schon nach dem fünften Versuch, hatte ich die richtige Tüte mit der Gebruiksaanwijzing für renitente Hightech Frischluftzentrifugen in meinen Händen. Irgendwo zwischen unnützen Herstellerblabla und wiedersinnigen Warnungen, wie das Gerät nicht über offenen Flammen zu betreiben, endlich ein kleiner Satz mit dem Hinweis, dass das Innenleben des Teilchens einem regelmäßigen Reinigungsturnus zu unterziehen sei. Spätestens jedoch, wenn ein halbes Jahr ins Land gegangen sei, was durch ein „F“ im Display angezeigt würde. Ah ha, „F“ hieß demnach „Faule Friteuseblondine, befrei mich von den fiesen Frittenfetten auf meinen Filtern.“ Kein Problem, man öffne den Glasdeckel und entnehme die Metallfilter, wie in der Beschreibung vorgesehen. Zwei Stunden, zwei Geschirrspüldurchläufe später, war die Küche, die, wie ich nun wusste, gerade mal ein halbes Jahr alt war, ein Chaos. Ich hatte mich so umgeschaut und in meiner unendlichen Blödheit gedacht, dass es total schlau sei, die Wartezeit eines Geschirrspülumlaufs zu nutzen und einen der beiden Backöfen zu reinigen. Also das Innere ausbauen und den Innenraum einschäumen, Wartezeit kann man eigentlich gut überbrücken, indem man den zweiten Backofen gleich der selben Prozedur unterzieht. Mittlerweile war die Abzugshaube wieder zusammen gebaut, nur das verfickte „F“ weigerte sich vom Display zu verschwinden. Also nochmal Gebrauchsanweisung studieren, eine Minute das „F“ touchen und nach drei Stunden sollte sich die Meldung von alleine löschen. Gut, die Wartezeit könnte man eigentlich gut nutzen, um den Kühlschrank mal ein bisschen zu reinigen. Und by the way, wann hatte ich das Teil eigentlich das letzte Mal abgetaut. Genau. Noch nie. Eine Stunde, ein abtauender, tropfender und sämtlichen Inhalts beraubter Eisschrank später.

Der beste Kerl schlug zu einem Zeitpunkt in der Küchenszene auf, die nach kompletter Verwüstung ohne Aussicht auf Erfolg aussah. Er blickte sich um, hob die Augenbrauen und zeigte fragend auf das Chaos von halb auseinander gebauten, in ätzenden Schaum gehüllten und tropfenden Gerätschaften, wo noch heute morgen eine funktionale, augenscheinlich saubere Küche stand. Ich hob die schmerzenden Arme und zeigte vorwurfsvoll auf die Haube:“Also alles fing an mit dem doofen“F“!“ „F?!“ „Ja , „F“!“ Er zuckte ergeben mit den Achseln. Er begab sich zum Kaffeevollautomaten, drückte die Powertaste und stutzte. „Reinigen? Was will der jetzt von mir?“ Ich überlegte kurz, schnappte mir Mantel und Schlüssel. „Wo willst du jetzt hin?“ „Na Reinigungstabs und Entkalker holen, habe ich nicht mehr im Haus und schon ewig nicht mehr gemacht.“ In diesem Moment piepte der Geschirrspüler und ich schubste den überraschten Kaffeetrinker aus dem Weg, um eben schnell noch die beiden Backöfen zusammen zu bauen, bevor ich einkaufen fahren wollte. Gesagt , getan. Ich ließ den Geschirrspüler ein letztes Mal im Selbstreinigungprogramm laufen, konnte ja nicht schaden, die Zeit bis zu meiner Rückkehr so zu überbrücken. Hinter mir fiel mit einem leichten Crushgeräusch die letzte Eisscholle aus dem Gefrierschrank. Also schnell ausgewischt, getrocknet und mit den Schubladen bestückt, bevor noch alles angetaut sein würde. Nun aber doch hurtig ins Auto und eingekauft. Im Augenwinkel blinkte das „F“  unaufhörlich weiter fröhlich vor sich hin. „Bin weg!“, verharrte ich kurz im Wohnzimmer. „Okay.“ da drang das IchbinfertigLied unserer Waschmaschine an mein Ohr. Nach kurzem Zögern, ob ich erst fahren sollte, stürzte ich die Treppe hinunter und verfrachtete den Inhalt der Waschmaschine in den Trockner. Wann hatte ich eigentlich das letzte.. bevor ich den Gedanken zu Ende denken konnte, hatte meine rechte Hand schon den Flusenfilter aus der Waschmaschine gedreht und die Pulverschublade ausgebaut. Nun würde ich mit nassem Knie und einem nassen Socken fahren, aber in Hinblick auf den Rest meines Fettfilterfuselsiebsauberzauber Outfits , machte das den Kohl nun auch nicht mehr fett. Mit meinen beiden Ausbauteilen verschwand ich in die Küche und erklärte dem fast weggeschnüselten Liebsten, dass ich die Teile noch mal eben in die Geschirrspülmaschine packen würde, da es ja nicht schaden könnte die Zeit des Einkaufs damit zu überbrücken. Während ich nebenbei den  Thermomix zerlegte und auch in den Spüler einbaute, hörte ich ein tiefes Seufzen von nebenan. Ich wählte ein adäquates Programm und schnappte mir einen Einkaufsbeutel. Mein Blick fiel auf die Wände und die Decke. „Ob ich schon mal nach Farbe schaue? Muss hier ja noch alles streichen, bevor die Böden abgeschliffen  und neu versiegelt werden.“ Der Süße lag auf der Couch und gähnte herzhaft. „Nein, ruf irgendein Pinselquäler Unternehmen an.“ „Auf gar keinen Fall- ich …“ Ich schaute in sein gähnendes, gequältes Gesicht. „Boah, zwei warme Tage und du nervst. Du glaubst gar nicht , wie sehr ich den Winter mag.“ „Na, aber ich habe NICHT gekärchert!“ , erklärte ich voller Stolz. „Warum kannst du nicht einfach Frühjahrsmüde werden, wie ich?“ „Keine Ahnung, aber ich werde immer total kribbelig im Frühling.Und es beginnt irgendwie immer früher. Ist so wie senile Bettflucht, nur ohne Bett und flüchten tun alle anderen.“ Ich brach den Versuch einer Erklärung ab, schließlich nervte ich mich in dieser Phase selber, aber stoppen konnte mich das trotzdem nicht. An der Kasse, auf dem Band nur Reinigungsmittel mit Spezialauftrag, mein Handy vibrierte. Eine Whattsapp Nachricht des besten aller Kerlchen, ein Video, Inhalt Loriots Sketch „Feierabend“. Was will er mir damit nur sagen? Möchte er spazieren gehen? Oder seinen Mantel? Ein Buch lesen? Ah, ich weiß, eine Illustrierte! Mal sehen , was ich ihm mitbringen könnte…Zurück vom Einkauf, Wäsche gefalten, Waschmaschine wieder zusammen gebastelt und selbstredend einem Reinigungsprogramm unterworfen. Draußen alles Dunkel, mein Süßer auf der Flucht in die Unaer Kneipennacht vor seinem durchgeknallten Putzteufel, der beste Sohn sich sicherheitshalber einschließend vor den putzigen Attacken seines alten Mütterleins, ich fuchsteufelswild vor dem verdammten blinkenden „F“kurz vorm Ausrasten. „Hör endlich auf zu blinken du Mistding!“ Ich drückte ein letztes Mal voller Wut die Leistungsanzeige wie vorgeschrieben. Die Abzugshaube sprang ungewollt an und saugte mit ohrenbetäubenden Lärm meine Haare ein. Auf dem Display das unvermeidliche „F“, allerdings diesmal mit einem Punkt dahinter. Was wollte sie mir sagen „Flummfe, du bist. Punkt.?“ Das Drücken des Powerschalters blieb ohne Folgen, das Licht ließ sich nicht mehr anschalten. Nichts ging mehr. Das Ding lief , ohne Licht,  ohne Unterlass , ohne Sinn. Wütend stieg ich auf die Arbeitsplatte, mit aller mir noch zur Verfügung stehenden Impulskontrolle, schob ich einen Teil des stählernen Abzugsabdeckung nach oben, um darunter den verborgenen Stecker zu ertasten und ihn aus der Steckdose zu ziehen. Die Abdeckung schnitt in meinen Unterarm, der Schweiß rann mir in Bächen den Rücken runter, der ob seiner verschobenen Lage leicht verkrampfte. Irgendwie bekam ich den Stecker dann wieder in die Dose gefummelt, den Sensor gedrückt, die Abzugshaube ausgeschaltet und das Licht an. Mit einem unspektakulären Klack, erstarb das weiße „F“. Mit Nacken und Schulter sprang ich von der Arbeitsplatte. Endlich Ruhe. Durch den verhassten AllroundCallcenterSupport Tipp, „Ziehen sie doch einfach mal den Stecker für fünf Sekunden damit sich das System reseten kann.“ Egal, ich stand in meiner blitzblanken, wohlriechenden, reseteten Küche, zufrieden und müde. Hatte sich am Ende doch gelohnt, der ganze Driss. Als mein Blick zum Anlass dieses stundenlangen Wahnsinns wanderte, klappte mir der Kiefer herunter. Nein, das „F“ war nicht wieder da. – Aber an der  Edelstahlabdeckung der Haube, sah man überdeutlich die Abdrücke meiner schwitzigen Handpadckers von meiner Steckerziehaktion. In mich hinein jammernd öffnete ich den Schrank mit den Putzmitteln, fingerte die Spezialpolitur für Edelstahl heraus und machte mich zähneknirschend an mein Werk. Heute war das Badezimmer unter meinen Fingern ein willfähriges Opfer.  Gerade im Ersten, Claudia Kleinert mit Begeisterung aufs Outfit geschaut, viel Bein, viel Möpse, kann nur heißen, das Wetter wird schlecht. Und wahrlich, der Winter schlägt zurück in den nächsten Tagen, meine Schulter wird es ihm danken. Meine Familie auch. Aber hey! Ich habe nicht gekärchert!! So! Und jetzt ihr.

Nachtrag: Ich weiß jetzt was „F“ bedeutet: „Flieht vor der fanatischen Schrubberwoman!“


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Ein Rummelschubser vs. Glioblastom et alia

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Arno von Rosen

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