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„Lost in emergency“

FB_IMG_1469867515947„Wenn du heute Abend wieder kommst, schlafen wir schon!“, der beste aller Kerle  grinste mich an. „Ja nee, is klar…“, ich griente zurück. „Hast du irgendeine Ahnung, wie lange es dauern wird?“ „Ne, keine Ahnung, aber ich rechne mit frühem Nachmittag“   Es, war der Transport meiner Ma in eine Uniklinik mit dem Ziel der stationären Aufnahme mitten im Pott. An einem Samstag, in den Ferien. Ein nicht lebensbedrohlicher chirurgischer Eingriff, der aber keinen Aufschub erlaubte und mit dem das Provinzkrankenhaus in der nahegelegenen Stadt offensichtlich überfordert war, musste zeitnah vollbracht werden. Eine telefonische Terminvergabe zwecks Aufnahme, war nicht möglich, obwohl sich  mein Dad durch sämtliche Abteilungen, Warteschleifen und Telefonnummern der Klinik telefonierte. Man riet uns einfach  mit einem gepackten Täschlein  die Notaufnahme am nächsten Tag aufzusuchen. Geraten, Getan. Ich  holte meine Ellis am Samstagmorgen gegen halb Neun ab, um ihnen das Einchecken in dem riesigen Klinikmoloch ein wenig zu erleichtern. Kurz nach Neun und einer ruhigen Tour quer durch das Ruhrgebiet, schmiss ich die beiden Herrschaften vor der Notaufnahme raus und suchte mir einen Parkplatz. Ein berühmter Sohn der Stadt, textete dereinst „Ich drehe schon seit Stunden, hier so meine Runden, ich will zurück zu dir mein Schatz, ich finde keinen Parkplatz…“ Zumindest rund um die Klinik hat sich diesbezüglich wenig geändert. Irgendwann begriff auch ich die Parkhinweistafel, die besagte, dass ich sehr wohl an einem Samstag oder Sonntag oder von 18 bis 8 Uhr auf den freien Parkflächen verweilen dürfte mit meinem Wagen ohne Anwohnerparkausweis. Da hatte ich aber schon drei Runden um den Pudding hinter  und eine leichte Unruhe in mir, dass die Beiden bestimmt schon hinter irgendwelchen Mauern und Schleusen aufgenommen und verschwunden seien und ich sie vermutlich niemals wieder finden würde.Diese Angst war unbegründet, als ich mit wehenden Haaren um die Ecke bog, saßen sie mit reichlich anderen Wartenden im Wartebereich der Notaufnahme. Ich setzte mich auf einen der harten , aber ergonomisch geformten  Holzstühle und schaute mich um. Über uns plärrte der Fernseher in Dauerschleife den Sender NTV, wo der  furchtbare Amoklauf von München, der am Tag zuvor die Republik erschütterte , nunmehr reflektiert und mehr oder minder nachvollziehbaren Fakten unterfüttert wurde. Im Raum, eine Luft zum Schneiden und das um 10 Uhr morgens bei geöffneten Fenstern. Das konnte nur schlimmer werden. Wir warteten und begriffen sehr schnell, dass verständlicherweise, nicht die Reihenfolge der jeweiligen Anmeldung, sondern die Dringlichkeit des Notfalls zum Aufruf in die Ambulanz führte. Nach zwei Stunden, in denen sich der Raum kurzzeitig mal ein klein wenig leerte, las ich auf meinem Kindle, solange ich in der Lage war Umwelt und das Dauerschleifengequatsche über meinem Kopf mit immer der gleichen Information und immer den selben nichtsagenden Augenzeugen oder Politikergewäsch, auszublenden. Haben Nachrichtensender wie RTL eigentlich ein eigenen Pool an Augenzeugen, die etwa 80 Kilometer vom Geschehen entfernt sind , aber trotzdem etwas sagen müssen vor der Kamera. Irgendeine dauerbetroffene Sumpfkuh, die schluchzend in die Kamera und ein Rotztuch schneubt, dass sie es auch nicht begreifen kann, wie man sowas tun kann, sie normalerweise sonst immer um genau diese Zeit dort an diesem Ort verweilen würde, außer heute und es sie hätte ebenso erwischen können- großer Schluchzer. Unter den eingeblendeten „Famous for a Minute“ Leuten, steht dann immer: `Nachbarin, die auch nichts weiß.´ Die Tatsache, dass sie/er/es weder etwas zur Aufklärung , noch zur Unterhaltung besteuern vermag, hält den Reporter allerdings niemals davon ab, genau solche Leute gezielt vor die Kamera zu bringen. Anderes Thema, ich weiß, aber es macht mich echt Aggro. Nun wir warteten. Nach zwei Stunden, endlich, meine Ma wurde aufgerufen und die Beiden verschwanden durch die mit einem lauten Swagggeräusch geöffnete Schleuse ins gelobte Land. Ich lehnte mich zurück, nun war ich mir sicher, würde es ja voran gehen. Mein Handy sagte mir es sei kurz nach 12 Uhr und ich schrieb dem besten Kerl per Whattsapp, das meine Eltern gerade die erste Klippe genommen hätten und ich vielleicht doch auf ihn hören und vorher hätte frühstücken sollen. Time goes by, so slowly …. Zwei Stunden später. Ich überlegte, ob ich eine Vermisstenanzeige aufgeben sollte, vibrierte mein Handy, eine SMS. Die konnte nur von meiner Tierärztin, hier sehr unwahrscheinlich oder meinem Dad sein, die Einzigen, die diese Kommunikationsform noch bevorzugen. Naja, fast die Einzigen. Ich öffnete die Nachricht und mein Kinn klappte herunter. Dort stand geschrieben. „Noch nichts passiert, außer Blutentnahme.“ Ich schrieb dem besten Kerl, die unfassbaren Nachrichten. Die Antwort war, dass ich ja dann genauso gut hätte etwas essen gehen können.Oder warten, da hätte ich ja inzwischen Übung drin. Witziges Kerlchen, dachte ich, warte bis Mutti nach Hause kommt. weiterlesen


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