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„Unter Müttern“

Bis zum zweiten Lebensjahr des besten Sohnes, lief mein Leben perfekt. Ich hatte ihn, meinen Hund, meine Katzen, die Liebe meines Lebens, die besten Ellis der Welt, die mich unterstützten, damit ich weiter arbeiten konnte, ein neues, altes Zuhause im ländlichen Nirgendwo. Was ich nicht hatte, war Zeit. Und Schlaf. Aber irgendwas ist ja immer. Ich hatte schon sehr früh verstanden, dass die Spezies „Mütter“ und ich, nicht besonders gut kompatibel waren. Als Langzeit- unverheiratete, -Kinder und Karrierelose, -HundekatzenPferdeMausverrückte, -widerlich direkte, tratschfreie, Grunge- Independent- und Punkbegeisterte , EmanZone, die ihre Vagina offenbar nur zum Pinkeln und Poppen brauchte, passte ich nicht so recht in die Zeit der Umbrüche um mich herum. Da wurde, für mich, wie aus dem Nichts, gemeinsam geheiratet, gemeinsam menstruiert und gemeinsam die biologische Uhr auf  ihr unaufhaltsames Ablaufdatum abgeglichen. In den meisten Fällen mündet das in einer erfolgreichen Reproduktion des eigenen plus etwas fremden Erbguts. Ich fand das immer folgerichtig und in Ordnung, aber aus unterschiedlichen Gründen, keine wirkliche Option für mein Leben. Die Veränderungen in den jeweiligen Leben unserer Freunde, die natürlich auch neue Bedürfnisse mit sich brachten, haben wir immer selbstredend mitgetragen. Eben nicht mehr in Kneipen, Konzerten und auf Parties herumgetrieben, einfach mal eine Nummer kuscheliger die Neueltern in ihren Nestern beglückt. Alles eine  Nummer ruhiger, angepasster, inhäusiger. „Cocooning „ist keine Erfindung der Istzeit. Wobei ich sagen muss, dass zumindest unserer engerer Freundeskreis, die neu errungene Elternschaft ziemlich gelassen und abgeklärt in ihr Leben integrierte. Allerdings hatte sich bei dem Einen oder Anderen mein Status innerhalb der Gruppe geändert. Ich hatte ein Downgrade erhalten, ohne Vorwarnung. Von ernstzunehmender Instanz des seriösen, analysierenden Ratgebers, zu „Du hast ja keine Ahnung. Du hast schließlich kein Kind.“ Okay. Totschlagargument. Geht aber noch besser. Als ich dann nach Jahren, für alle und am Meisten für mich , überraschend, doch Eins hatte. Selbstgeklöppelt und nicht von der Straße weggefangen, hatte der Rest der Welt schon lange nach gelegt. Ich hatte immer noch keine Ahnung. „Du hast ja schließlich nur EIN Kind.“ Oder „Du hast ja nur einen Jungen. Mädchen sind da eine ganz andere Herausforderung.“ Wie ich es auch drehte oder wendete, wenn ich nicht zufällig die gleiche Meinung bediente, hatte ich eben keine Ahnung. Versuche, einfach mal spontan los zu pressen, um zu schauen, was da so alles in meiner Gebärmutter vor sich hin gammelte oder sich eventuell verkantet hatte, brachten nicht den gewünschten Erfolg. Gut, bis auf die sieben brunftigen Hirsche, die durch meine inbrünstige Intonierung meiner Gebärsimulation angelockt wurden und nun in unserem Garten auf ein Kopulationsdate mit der heißen Hirschkuhbitch hofften.  Sorry Jungs, Fake. Ich lernte, besser ist, Klappe halten und debil lächelnd in die Füße zu atmen. Bei konkreten Fragen, lässig mit den Schultern zucken und das Defizit des „Nicht -Gebären- habens“, einfach direkt und unverblümt zugeben. Kommt eh raus, irgendwann wollen dann doch Alle die angebliche Frucht deiner Lenden kennen lernen. Der beste Kerl büßte im Übrigen gar nichts ein. Im Gegenteil, er gewann. Wie immer. Egal wo der Kerl sich hin fläzte (und das ist immer noch so), dauerte es keine drei Sekunden und sämtliche Hunde, Kinder und Käsehäppchen des Haushalts, eroberten ihn. Sein Rat war und blieb wertvoll, dabei hätte er nicht mal gebären können, selbst wenn er gewollt hätte. Gleichberechtigung geht anders.

Wie kam ich noch auf das Thema? Es gibt bestimmte Mütter, die nicht in ihrer Gänze, aber in bestimmten Bereichen ihres Mutter seins, mich in meiner vorverurteilenden Art absolut triggern. Heute hatte ich irgendwie die Serie an Begegnungen mit mich  abnervenden Müttern. Da war der „I´m the best Mom of the world“ Blog, auf dem irgendeine Mama ihre Erfahrungen in der Welt der Kinderbändiger mit dem geneigten Leser teilt. So weit, so in Ordnung. Die Blondine macht ja nichts anderes, kostenlose Therapie, im besten Fall mit einem gewissen Unterhaltungswert. Da postete das arme überlastete Muttilein, dass selbst ein Übermensch wie sie, der in erster Linie „Mama“ und den lieben Kleinen in einmal zum Mond und zurück Liebe zugetan ist, heute mal echt pissig war und die geliebte Brut mit Wut belegt hat. Sie beschrieb eine Situation, die ins Kleinste dokumentierte, wie unendlich anstrengend und belastend so ein Tag im Leben einer Supermom sein kann. Zwei Terrorzwerge in der „Trotzphase“, ein Haushalt, ein Beruf , eine Umwelt die Perfektion erwartet, ein Alltag zwischen Zahnen und Zanken, alles im Allen, ein ganz normaler Tag als Enddreißiger, der das christlich -soziale Seehofer Familienideal bis in die letzte Konsequenz lebt.  Nun sind Maman heute doch tatsächlich die angegriffenen Nerven durch gegangen und sie hat die, allerdings auch wirklich widerborstigen, wenn auch immer noch unfassbar geliebten, Geschrei und Gestank produzierenden, Kacksäcke volle Breiseite, angemeckert. Und sie hat, einmal damit angefangen, gar nicht wieder aufhören können. Sie hat wegen Diesem und Jenem, begonnen zu motzen. Nicht ,dass es ansatzweise gerechtfertigt gewesen wäre, aber sie konnte gar nicht anders, denn schlussendlich sei sie, Obacht!!, auch NUR ein Mensch. Ach was?!  Noch während ich diesen Beitrag las, der warum auch immer auf meiner Timeline erschien, weil ihn irgendwer unbedingt teilen musste, hatte ich Puls. Schon erschienen die fleißigen mit fliegenden Fingern getippten Kommentare unter dem Beitrag. Alle mit zustimmenden, abwiegelndem Inhalt. Denn natürlich seien WIR Mütter auch nur Menschen, mit Grenzen der Belastungsfähigkeit, die allerdings immerhin schon mindestens so unfassbar ausgeweitet sind, wie einmal zum Mond und zurück und wieder hin. Solange wir nur authentisch blieben und uns danach immer brav entschuldigten bei der von uns geschmähten, beleidigten Brut, sei alles im Lot im Mütterhimmel. Gut, Schlagen ist natürlich tabu. Aber einen gepflegten Ausraster überleben die Kids schon unbeschadet, es macht sie sogar fit für das Leben da draußen in der feindlichen Umwelt, wo sie auch niemand in Watte packen würde. Ist das so? Keine Ahnung, aber beim Hundetraining frage ich nach der Motivation, die sich hinter einem Verhalten verbirgt, analysiere sehr genau die Bedingungen unter denen ein Verhalten gezeigt wird und welche Konsequenzen es nach sich zieht. Es gibt Nachweise, dass Kinder, die in ihrer Kindheit dauerhaft gestresst und/ oder  traumatisiert wurden, signifikante Veränderungen im Gehirn und ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Borderline Syndrome oder Schizophrenie in sich tragen. Diese Veränderungen konnte man auch bei Hunden nachweisen, die in der Folge eine erhöhte Stressanfälligkeit und geringere Frustrationstoleranz zeigten. Das soll nicht heißen das unmotiviertes „Motzen“ die Psyche unserer Kinder nachhaltig zerstört, aber die Intention des Text stört mich. Es geht nicht um das „Warum“ des Verhaltens der Kinder oder das „Warum“ des Verhaltens der Mutter in Momenten der Belastung, um daraus lösungsorientiert einen Ausweg zu finden.  Es geht um Absolution. Um einen Ablasshandel. Ich motze, ich beichte öffentlich, ich erhalte Absolution von denen, die ebenso handeln. Täter macht sich zum Opfer. Reflexion ist das nicht. Wäre aber eine gute Chance für einen ehrlichen Austausch gewesen.

Da war die Mutter an der Kasse von Edeka. Jugendlich gekleidete Endvierzigerin mit ihrer Tochter, die sich mit einer Flasche mit einem Hipgetränk in grünlicher Farbe auf den heutigen Partyabend einstimmen wollte. Ich bin kein Freund von Schnaps, schon gar nicht umgefüllt in unausgereifte Teeniegehirne. Aber ich bin auch nicht so naiv zu glauben, dass sie sich die Pulle nicht auch ohne Mama als Dealerin besorgt hätte. Schlimm fand ich, dass sich Mama mit Begeisterung auf die Quengelregalreihe für Alkis stürzte, um ihrer Tochter den „Kleinen Feigling“ wärmstens ans Herz zu legen. Skurril  war, dass ihre Tochter das total uncool und peinlich fand, weil das heute kein Mensch mehr trinken würde. Echt ich glaube das ist für mich die abtörnendste Form von Mutter, die die beste Freundin ihrer Kinder sein will. Wie wäre es mit einem eigenen Leben und eigenen Freunden? Und das bedeutet nicht, dass man seinen Kindern nicht auf Augenhöhe begegnen kann. Ernst nehmen, wahrnehmen, eigenständig leben und lernen lassen. Los Lassen! Das ist unser Job, nicht mehr und nicht weniger. weiterlesen


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