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„Vorzeltgeflüster“

„Hey, Du! Ja, Du! Komm mal schnell!“ Die Aufforderung galt dem besten Kerl, der auf dem Bett vor sich hin entspannte. Ich stand im Sonnenlicht auf unserem Balkon, den Oberkörper  auf das Geländer gelehnt und ließ mir den Wind durch die hohle Rübe wehen. Ich warte ein paar Sekunden und starrte wieder in das Refugio des Hausherrn. „Ich mein das Ernst, komm mal!“ Wiederwillig erhob er sich und streckte sich neben mir dem schützenden Dach der riesigen Rotbuche deren Äste und Blätter im Wind rauschten, entgegen.“Und? Was?!!“, kam es mehr als genervt. „Hörst du was?“ In der Annahme es sei ein Test für seine doofen Ohren, lauschte er angestrengt in den freien Raum.“Nee, was denn?!“ „NIX! Absolut nix, nada, niente,rien- man hört hier absolut nichts!“ Ich blickte ihn triumphierend und erwartungsvoll an. „Ja Und?!“ „Ich glaube wir sind die einzigen Menschen, die aus der ländlichen Idylle mit viel Fläche um uns herum, um uns frei zu entfalten, einzutauschen, um auf eine 100 Quadratmetergroße Scholle einen zugegebenerweise leicht überdimensionierten Wohnwagen zu quetschen, um Zelle an Zelle mit 100ten von anderen Bekloppten unseren Urlaub zu verbringen. Pikiert blickte er mich an:“Na toll, dann fahren wir eben gar nicht mehr weg, wenn ihr das SO schlimm findet.“ „Es ist gar nicht schlimm, im Gegenteil. Und man muss ab und an mal weg fahren, um zu Hause zufriedener zu sein.“  Eine Woche Camping auf Fehmarn, eine unserer Lieblingsinseln, lag gerade hinter uns, der Wohnwagen war schon fast wieder winterfest und die Waschmaschine haute gerade die Fertigfanfare für die dritte Fuhre DSC_0308Dreckiges- dipdipdip in the water, in the water-clean!,dem Besten steckte noch die Fahrt in den Knochen, mir die Eindrücke im frontalen Cortex.  Warum überhaupt campen? Da gibt es sicher sehr individuelle Erklärungen, warum man diese Form des Verreisens  präferiert oder hasst. Unsere Gründe Pro sind vielfältig, ein Entscheidender ist sicherlich, dass wir immer ein Hundekind mit auf Tour haben. Urlaub mit Hund bedeutet im eigenen Zelt, WoMo oder WoWa, dass man das kleine Zuhause immer dabei hat. Eine Trutzburg im Meer von Ungewissheit für ein Lebewesen für das Urlaub in erster Linie 24 Stunden mit dem geliebten Menschen zusammen sein zu dürfen, aber auch Stress und Unsicherheit, bedeutet. Es gibt immer mehr Reiseveranstalter, die sich auf Hundeleute spezialisiert haben, aber für uns ist Camping immer noch die Reiseform, die die allergrößte Freiheit für alle Familienmitglieder bedeutet. zudem war vor Kind ohne Fell, immer der Weg das Ziel, was hieß, nie länger als zwei, drei Tage an einem Ort zu verweilen. Allein, weil hinter jeder Kurve etwas Neues, Spannendes, Leckeres und etwas zum Spielen wartete. Und natürlich, weil mir meistens nach zwei Tagen der jeweilige Parzellennachbar unfassbar auf die Nerven ging und ich, im Gegensatz zum realen Leben, einfach einpacken und weiter ziehen konnte. Mit zunehmenden Alter wechselten wir vom Zelt zum Wohnmobil, mit Kind zum Wohnwagen und wiederum altersbedingt von No Comfort über nicht schön, aber praktisch zu high  middleclass mit viel Space um uns zu entfalten. Wie bei den meisten Dingen im leben, sind wir keine Dogmatiker, heißt, dort wo es wenig Sinn macht, fahren wir auch nicht mit dem ganzen Geschoss, sondern buchen einfach ein Haus, Boot, what ever. Dieses Jahr hatte sich der beste Sohn eine Woche RetroUrlaub mit uns auf seiner Insel gewünscht. Wirklich froh, dass er uns zumindest noch eine Woche zugesteht, haben wir gerne zugesagt und ihm die Planung überlassen. Im Nachgang eine gute Entscheidung, er hat es richtig gut gemacht, angefangen mit der Wahl des Platzes, über die sentimental anmutende Idee die Insel seiner Kindheit wieder besuchen zu wollen, bis zu seinen Ausflugszielen. Fürs Protokoll: Wenn unser Job ist, ihn selbstständig denkend, aufrecht gehend und knochentrockenen Humor verbreitend , durch das Leben mit einem Ball am Fuß zu tänzelnd, schnippend mit seiner Musik auf den Lippen, blitzschnell mit seinen filigranen Fingern Nachrichten auf dem Smartphone tippend, Freunde virtuell und real treffend,zu machen, dann haben wir, wie auch immer wir es gemacht haben, wenn wir es überhaupt gemacht haben, einen guten Job gemacht.

Aber wir wollten ja mal den Nichteingeweihten einen kleinen Blick in die Vorzelte der merkwürdigen Campergemeinde gewähren. Lüften wir also den fusseligen Fliegenvorhang des Schweigens und legen die Grillzange in die wunden Stellen dieses ansonsten eher harmlosen Völkchens. In Bezug auf Pärchen und die Harmonie in einer wie auch immer gearteten Beziehung, hat ein Urlaub im mobilen Heim, die eine oder andere Klippe mit Absturzgefahr des gesamten Systems bereit. Dabei ist es immer noch nicht genau belegt, ob es ein Extrateam bei den Herstellern dieser Fahrzeuge gibt, die sich mit diebischer Freude daran machen, diese besonderen Prüfungen für jede gemeinschaftliche Lebensform in ihre Modelle bewusst einbauen oder ob es , wie so oft, in den Unzulänglichkeiten des Einzelnen liegt. Ich persönlich denke, es ist eine unglückliche Mischung aus Beidem. Die erste Hürde nimmt eine vormals gut funktionierende Beziehung, bei dem profanen Aufrödeln des Urlaubsgefährts. Der beste Kerl ist seit jeher davon überzeugt, dass das Packen egal ob für 2 Tage oder 2 Jahre, insgesamt und genau 12 Minuten dauert. Diesen Männerfakt belegt er mir jedes Jahr aufs Neue, indem er seinen Schrank öffnet, alles greift, was im Weg liegt, ein bis vier Oberschränke des Wohnwagens damit verfüllt, Strom vom Wohnwagen ab- und Wasser drauf macht, Zusatzspiegel auf den Bulli zieht, das Gespann zusammen steckt, zwei Fahrräder mit 98 Spanngurten auf dem Fahrradträger verzurrt, in den Bulli hüpft und startet. In exakt 11 Minuten, neue Bestzeit, bei der das Vertüddeln der Fahrräder den Löwenanteil verschlang. Was er nicht ahnt oder gewissenspflichtig ignoriert, ist die Tatsache, dass ich schon seit einer Woche wie ein angeficktes Eichhörnchen vorm Winter, Vorräte in diversen Lebensmittel-, Drogerie-,Getränkegeschäften gesammelt, geschleppt, in Körbe und Schränke verstaut, Betten vom Dachboden geschleppt, bezogen und verstaut, Catsitter organisiert, instruiert, alle Eventualitäten abgeklopft, vorgemacht und Lösungsorientiert abgearbeitet und nicht zu vergessen, einen kompletten Satz alles für das Hundekind zusammen gerafft und verpackt, habe. All das zählt nicht und deucht den besten Camper nicht an, wenn er eine Stunde vor der verabredeten Zeit, in seinem Bulli vor dem Haus steht und leicht genervt auf seine trödelige Familie wartet. Zur gleichen Zeit, im Haus, ist die Blondine schwitzend und ächzend, seit Stunden damit beschäftigt, das Haus klinisch rein zu schrubben, damit ein potentieller Eindringling einen guten Eindruck von ihr bekommen würde, ich dumme Nuss. Der beste aller Söhne ist gerade eben aus seiner Schlafkoje gekrochen, weil ihn das Nageln des Diesels unter seinem Fenster und das Brummen des Staubsaugers unter seinem Kopfkissen, unerbittlich und unerträglich aus dem Schlaf gerissen hat. „Boah, jetzt sag nicht, ER sitzt schon wieder bei laufendem Motor in der Kiste und macht Druck!“ Ich betätige triefend und dampfend vor Schweiß den Ausknopf meines gelben Industriesaugmonsters, um die Frage akustisch verstehen zu können und angestrengt in die Natur vor dem Haus zu lauschen. Meine Ohren vernahmen, wie zu erwarten das gleichmäßige Tuckern unseres Bullichens und während ich nickend den Sauger wieder in Betrieb nahm, hörte ich neben mir jugendliches Gezeter. „Ich geh jetzt erst mal duschen, WIR haben gesagt um 11 Uhr ist Abfahrt, immer das Gleiche…..“ . Der Rest geht im Lärm der laufenden Haushaltsgeräte unter, selbstredend habe ich Alle im Betrieb.

Eine Stunde später, sitzen dann tatsächlich alle an Bord und die Fahrt kann beginnen. Mit der Fahrt beginnt für uns tatsächlich auch der Urlaub. Das ist nicht selbstverständlich und dem Umstand geschuldet, das „Mein Mann Kann!“. Tatsächlich kann der Süße einen Dreißigtonner mit vier Anhängern acht Kilometer rückwärts in ein Mauseloch drücken. Die meisten der Freizeittrucker auf unseren Autobahnen sind ihrer Geschosse nicht wirklich mächtig. Es ist mehr ein alljährlich wieder kehrendes Vabanquespiel mit Leib und Leben der Lieben und aller unbescholtenen Verkehrsteilnehmer. Ich?! Ja natürlich kann ich einen Bulli mit Anhänger fahren, egal ob 8 oder 14 Meter lang. Natürlich überhole ich auch damit, schließlich bin ich immer ein bisschen zu flott unterwegs. Natürlich traue ich mich mit dem Teil zu tanken oder durch die engen Zahlstationen auf fremden Autobahnen. Natürlich kann ich das Teil nicht rückwärts fahren, keinen Meter, wegen fehlender Traute und Können. Um das Teil rückwärts irgendwo einbiegen zu lassen, brauche ich mindestens eine 12 Meter breite Einfahrt, dann klappt es auch bei der Blondine. Dieser erhebliche Mangel, hätte mich schon mal fast das Leben gekostet. Wirklich! Vor 10 Jahren war ich mit meinem Bulli plus Doppeltandemachser zu einer Fortbildung kurz vor Bremen. Hinfahrt kein Problem. Rückfahrt, mangels Navi, eben mal nicht aufgepasst und verkehrt abgebogen, statt in Richtung „Hause“ blöderweise in Richtung Bremen. Erst mal 10 Kilometer gar nicht geblickt und dann in Panik geraten bei der vergeblichen Suche nach einer Wendemöglichkeit des Riesengeschoss auf der winzig, kleinen Landstraße. Im Kopf kein klarer Gedanke, nur immer das Mantra“ Wenden oder Wassern, wenden oder wassern, wenden…. aaahhhhhh, ich werde in Bremen in die Weser fallen und ersaufen!! Hilfe! So helfe mir doch Jemand !…. Ich wäre also jämmerlich ersoffen, weil ich aus lauter Stolz nicht angehalten hätte, um einen Mann um Hilfe zu bitten. Hört auf zu lästern Kerle- dafür frag ich an einer Tanke nach dem Weg, wenn ich ihn nicht weiß und fahre nicht alle 8scillionen Straßen einer Millionenmetropole im Schritttempo ab, um Strassenschilder zu lesen! Naja, ich schreibe, also lebe ich noch. Kurz vor der Kaimauer habe ich schweißgebadet und den Tränen, ob meines nahenden Endes, nahe, eine ausreichend breite Einfahrt zwecks Wendemanöver Richtung A1 gefunden habe. Wenn ich betreut in den Urlaub fahre, kann mir das absolut egal sein, weil der gute Mann am Steuer uns sicher und ohne Stress an jedes Ziel lotst. weiterlesen


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