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„Baustellenblues“

DSC_0046Ich habe diese merkwürdige Störung, die ihren Höhepunkt jeweils im Frühjahr eines jeden Jahres erreicht. Es erklärt sich nicht mit dem allgemein bekannten „Frühjahrsputz“ oder „Alles neu macht der Mai“. Es ist aggressiver, intensiver, von einer inneren Ruhelosigkeit und äußerem,  zwanghaftem Bewegungsdrang geprägt. Ich dachte, es würde vielleicht einmal mit der kongruent laufenden Kurve von wachsender Zahl der Lebensjahre zu einem verfallenden, alternden Körper, nachlassen. Das Gegenteil ist der Fall, die Anfälle werden eher heftiger und die Schübe kommen erschreckenderweise immer früher im Jahr. Brauchte es vor Jahren noch die ersten, wärmenden Strahlen der Sonne, reicht mittlerweile schon ein Blick auf den Kalender, der das Ende des kalendarischen Winters mit Daten manifestiert. Es ist, als wenn man ein halbes Jahr als weitsichtige Blindschleiche mit Grau- in- Grau Schwäche, endlich de verlorene Brille hinter dem linken Ohr und  den Schalter für die Jalousien auf der Wand wieder findet. Auf einmal ist alles gestochen scharf zu erkennen, Konturen, Schatten, Licht, Farben, Dreck, Flecken, vollgestellte, fast vergessene kleine Schmuddelecken. Alles schreit nach Renovierung und beansprucht den Platz der obersten Priorität für sich. Wie ein Schweizer Uhrwerk, beginnt mein Geist  die Aufgaben zu strukturieren, in Teilschritte aufzuteilen und zeitgleich  macht sich dieses Kribbeln in meinem Körper und das Zucken in  meinen Fingern breit. Irgendjemand hat unbemerkt an meiner Flügelschraube die Feder in meinem Rücken überdreht und den Schlüssel weggeschmissen. Das kleine batterielose Duracellhäschen in mir beginnt zu trommeln. Es ist der Rhythmus von „Played Alive“ des Safari Duos. Also ganz smoothie mit vielen altersgemäßen ruhigen Phasen zum Verschnaufen. Tada Tadam … Tadamm… Tadamm…

Seit ein paar Tagen ist es Mai. Ich bin in diesem Jahr schon weit fortgeschritten in meinen Projekten auf meiner persönlichen Baustelle. Gut das Schleifen der Holztreppe, war eine typische Blondinenidee. Nachdem der beste Kerl erklärte, dass Dies nächstes Jahr unser Großprojekt zusammen mit dem Parkett sein würde, ich begeistert zustimmte, so eine komplexe Aufgabe an einen Fachbetrieb übergeben zu wollen, vergingen genau zwei Stunden. Zwei Stunden, in denen meine besten Kerle auf dem Weg nach Hamburg ins Stadion waren, ich in den Keller zu all den wunderbaren Gerätschaften hinabstieg und mich Minuten später, tief gebeugt wie eine Hundertjährige in unserem Treppenhaus über einem Black und Decker Schleifdingens wiederfand und schliff was das Zeug hielt. Also das Zeug hielt nicht allzu lange, die Schleifmaschine, die aus ihrem dreißigjährigen Dornröschenschlaf zur kurzen Blüte erwachte, verabschiedete sich mit gequältem „Noooo, Nooo, Nooooo “ und einem Meer aus Funken und Brandgeruch nach vier Stufen und acht Stunden Betriebsdauer. Wir ersetzten sie durch eine Neue und ich schrieb noch am gleichen Tag, nach vier weiteren schnell geschliffenen Stufen an den besten Kerl:“Auch wenn ich das nicht sagen sollte, wo der Alte noch nicht kalt in der Grube liegt.-Es stimmt, was alle meine Freundinnen sagen- die Jungen können es härter, tiefer und länger.“ Worauf ein empörtes „Wie bitte?!!“ als Antwort kam. Im Februar hatte ich schon unser Badezimmer, die untere Etage bis auf Küche neu gestrichen. Im März stand die Planung der neuen Küche, was allerdings ein Küchenstudio und die dortigen Profis vollbracht hatten. Während des Profiumbaus, musste die ADHS Hobbyhandwerkerin , sich ein neues Betätigungsfeld außerhalb des Hauses suchen. So strich ich eine Holzhütte, eine Garage und die Holzbalken unserer Terrasse. Was die Küche anging blieben  uns  wie bei jedem unserer Großprojekte nur das naive Freuen auf all das unfassbar schöne Neue, das dummbatzige Abbrechen und Zerstören von all dem ungeliebten Alten und das  weinerliche Gejammer, wenn wir mitten im Chaos, Dreck und Lärm, plärrenden WDR4 , echt keinen Bock mehr haben würden auf all das unerreichbare Neue und unbedingt das altvertraute verkackte Alte gerne wieder hätten. Was natürlich nicht geht, es sei denn die WünschdirwasdasLebenistdocheinPonyhofFee schwebt hier mal stante pede ein und schwingt ihren pinken gltzerglatzer Einhornscheißezauberstab und zack „Alles wieder auf Anfang“.  Passiert nicht. Nie. Gibt nämlich in „Echt“ gar keine pinken Zauberfeen mit Einhornpisse auf dem Stab. Sorry , dass ich das jetzt einfach so krass raus spoiler , aber ich habe PMS, mein Name sei Schmerz und Baustellenendzeitstimmung. Gestern Nacht in den frühen, sehr frühen Morgenstunden, habe ich schon im Traum geträumt, dass ich unendliche Schmerzen im Nackenbereich und verlängerten Rückgrat am nördlichen Ausläufer, als Hirse nicht Arsch, hätte. Mein Hirn versuchte auf einem pochenden, pulsierenden Hammer reitend, mit staccatoähnlichen Schlägen seine langsam verkalkende Höhle in Richtung Außenwelt durch das verquollene triefende linke Auge zu verlassen. Ich kämpfte mich irgendwie an die Oberfläche meines Traumes in der Hoffnung schmerzfrei und fröhlich zu erwachen. Verdammte Fee, wo war die olle Schrapnelle , wenn man sie wirklich brauchte? Sie hatte sich wahrscheinlich mit Wunschpunsch ins Nirvana geschossen und das beknackte Einhorn hielt ihr bestimmt gerade das Zauberstäbchen und die Haare, damit sie beim Kotzen nicht ins Klo fielen. Wenn Fee, dann war bei mir wohl die 13. , diese angefressene Zicke, die nie auf der Gästeliste steht und deshalb den Rest der Welt und besonders gerne Blondinen verflucht, am Werk gewesen. Der dumpfe Schmerz, der steife Nacken, die leichte Übelkeit, all das blieb. Was fehlte, war Orientierung. Wo zur Hölle war ich? Langsam erkannte ich die Konturen unseres Schlafzimmers. Ich lag kopfüber, verkehrt herum, ohne Decke mit dem Schädel auf eine Seitenführung gepresst mit verspannten Schultern, dem drohenden gänzlichen Absturz entgegen wirkend, was  extrem erschwert wurde durch, dem Design geschuldeten organischen Form einer abfallenden Welle. Ich erhob mich stöhnend und ächzend und rutschte nun vollends aus dem Bett. Unsanft landete ich auf dem nackten Podex. Ich rappelte mich hoch, langsam ließ der Druck im Schädel etwas nach. Klar mittlerweile war das gestaute Blut aus dem kleinen Schädel, im schmerzenden Hinterteil angekommen, dort konnte es sich platztechnisch naturgemäß besser verteilen. Fröstelnd eierte ich nach unten,schmiss mir eine Schmerztablette, rieb die schmerzendsten Stellen mit Diclosalbe ein und begab mich zurück ins Schlafgemach. Dort angekommen, ein Bild des Friedens ein schnarchender Hund und zwei Katerkinder auf dem Rücken gedreht in unserem Bett. Ich betrachtete die zwei Rotäschen. Sie hatten Geburtstag gehabt, zwei Jahre waren sie nun, Zeit vergeht in Mach 4. Ich hatte aufgrund meiner körperlichen Verkehrtheit aus diversen Baustellenverunfallungen, nur ein Glas Wein auf ihre Gesundheit getrunken und mich dann früh ins Bett zurück gezogen. Die Zwei hatten noch gefeiert, als ich schon schlief. Ich schaute auf die engelhaften Gesichtszüge der Beiden  und mir kam ein ungeheuerlicher Verdacht. Hatten die sich etwa betrunken und dann die Idee gehabt mitten in der Nacht mit der Blondine Flaschen drehen zu spielen und ich war die Flasche?  Das war die einzig mögliche Erklärung, wie ich in diese unmögliche Schlafposition gelangt sein konnte. Kleine Mistkerle, bestimmt hatten sie mich auch mit blinkenden LEDLichterketten, dämlichen Katzenschnurrbärten und puscheligen Fellohren dekoriert und als Video bei YouTube hochgeladen.Lustige Blondinenvideos bekommen in Katzenkreisen die meisten Klicks. Ich kroch, in die dafür vorgesehenen Richtung ,unter den Rest der besetzten Bettdecke, hörte es neben mir zufrieden zweistimmig Brummen und schlief irgendwann als die Tablette ihre Wirkung tat, auch wieder ein. Wer sich fragt , was aus meinem Schleifersklavenjob geworden ist- nun ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich niemals mit dem Schleifen fertig werde. Der mitdreiziger Baumarktfuzzi ,der dort für Farben zuständig ist und mich im Sekundentakt mit „Junge Frau“ zusabbelte, ist gestern nur haarscharf einer Lackierung in Arschlochfarbend entgangen , weil ich für meine Verhältnisse viel zu gute Laune hatte. Heute sähe das ganz anders aus, JUNGER MANN! Das Projekt, wie bekomme ich eine Staublunge in nur 14 Tagen, läuft dagegen vielversprechend. Die Feinstaubwerte in unserem Kaff sind in einen bedenklichen Bereich gestiegen, seit drei Tagen darf man hier laut Umweltamt, nur noch mit blauer Plakate auf der Straße furzen. Das gilt besonders für die methanträchtigen Milchkühe unserer Bauern, die sich einen Knoten in ihre Gedärme binden mussten. Auf die besorgte Frage, ob ich denn auch eine Staubmaske bei meiner Tätigkeit tragen würde, antwortete ich: „Klar, ordnungsgemäß mit Staubmaske, Haarnetz und selbstredend lege ich immer meine Bergsteigerausrüstung an, da ich schließlich hochalpin auf der obersten Stufe arbeiten muss.“  „Safety first“, wie mein alter Kamikazelehrer immer zu sagen pflegte, bevor er nackt vom Hochhaus sprang. Aber heute ist nicht alle Tage, ich schleif weiter keine Frage.


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Ein Rummelschubser vs. Glioblastom et alia

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