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Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können…

 

Ich habe eine von Kindesbeinen an andauernde Agenda mit mehr oder minder begabten Zahnärzten hinter mir. Mir wurden Milch, bleibende und angeblich weise Zähne gezogen, Klammern verpasst, Löcher gestopft, Zähne poliert…, wie auch immer, es gibt wenig, das ich im großen Dentistenabenteuerland nicht schon gebucht habe. Einige Konsequenzen daraus sind, dass ich sehr gelassen mit Zahnarztbesuchen umgehe, mich freiwillig in den halbjährlichen „Recall“ begebe, mein Bonusheft gewissenhaft führe, ich eine Tür in meinem Kopf gefunden habe, hinter der ich mich zurückziehen und Geräusche auszublenden vermag, Narkose nur in absoluten Ausnahmefällen für mich in Frage kommt.

Heute waren schwupps mal wieder 6 Monate vorbeigerauscht und deshalb Kontroll  -und Poliertag. Und ich finde diesen Tag super( nein ich habe keine Lachgasbehandlung hinter mir). In weiser Voraussicht halte ich mir Zahnarzttage soweit als möglich terminfrei. Das hat mich die Vergangenheit gelehrt- man weiß schließlich nie was LaDentista alles in so einem mittelalten  Speisezerhäcksler findet und für reparaturbedürftig hält.

Eine meiner Lernerfahrungen aus dieser speziellen Art der masochistisch angehauchten Freizeitgestaltung, liegt Urzeiten zurück. Ich war damals noch komplett im Stilldemenzmodus unterwegs. Hieß jeden Tag froh und dankbar sein, wenn ich selbstständig den Weg zur Arbeit gefunden hatte, meine Familie nicht nur erkannte, sondern auch beim richtigen Namen benennen konnte, ich ganze Zuhörerschaften zur Verzweiflung brachte, wenn sie bemerkten, dass ich nicht die Kunstpause  in Vollendung beherrschte, sondern einfach vergessen hatte weiter zu reden oder ich einen Laden sofort wieder verlassen konnte, wenn ich realisierte, das mehr als zwei Personen vor mir bedient wurden, denn, bis ich an der Reihe war, hatte ich vergessen, wo mein Einkaufszettel steckte bzw. mein Handy funktionierte. Zu dieser Zeit war ich auch mal eben zur Kontrolle eingeflogen, mit dem Ergebnis das es echt nicht unauffällig ist, wenn man beim Zähneputzen mehr Blut spukt als bei der Blutspende. Parodontitis – da war das böse Wort aus der Werbung mit dem Biss in den unecht quietsche grünen Apfel  und dem eindrucksvoll ausfallenden Cartoonschneidezahn… Eine Parodontoseprophylaxebehandlung war das Mittel der Wahl. Diese beginnt mit einem Antrag bei der Krankenkasse und diese benötigt neben dem ärztlichen Dosier eine komplette Großklappenröntgenaufnahme. Da bewahrheitete sich der Spruch „Große Klappe- nix dahinter!“  Meine Klappe war nie zu klein für bissige Anmerkungen, Frechheiten, Sarkasmus, dumme Sprüche, aber definitiv zu klein für die ersten Zähne und noch mehr für die Zweiten und für diese miesen einzelnen, brutal harten und scharfkantigen Röntgenplättchen, die eine, mein permanentes Würgen freundlich überhörende, Stuhlassistentin, in mein Gesicht bastelte. Nicht nur das der strahlensichere Umhang etwa 100kg wog, die Prozedur eine halbe Stunde dauerte und in Teilen wiederholt werden musste. Nein, mich beschlich trotz meines hormonüberflutetem, nicht zurechnungsfähigem  Mutterstatus, irgendwie das Gefühl unfreiwillig bei der „Versteckten Kamera“ mit zu wirken. Ich bereitete mich innerlich darauf vor, irgendeinen dauerbekifften Grinsemoderatoren,  der behauptet mit dem Zweiten (Gesicht? Kontaktlinsen?) besser sehen zu können, in dem Moment mit dem Schwenkarm des Röntgenapparates umzuklatschen, wenn er in den Raum gesprungen käme. Passierte aber nicht, ich würgte tapfer weiter gegen den Brechreiz an, hielt den Kopf merkwürdig verdreht, in der angepeilten Position, drückte mit dem linken Zeigefinger die Röntgenplatte fest in meinem Kiefer, während mein Daumen gleichzeitig  meine Nasenspitze berühren sollte. Irgendwann war mein Kiefer von innen komplett lädiert und die Prozedur überstanden. Bericht ging an die Krankenkassen, wurde bewilligt, der erste Behandlungstermin stand an. Gegen alle meine Argumente, wurde sich für zwei Behandlungen entschieden, mit Narkose, Kiefer für Kiefer.

Meine Ärztin stieg also an diesem Morgen mit mir in den Ring, wie immer durch einen Mundschutz derart getarnt, das auch gut und gerne eine wildfremde, von der Straße weggefangene  Frau sich dahinter hätte verbergen können. Sie setzte die erste Narkosespritze in den Oberkiefer und binnen einer Sekunde kribbelte meine Stirn, ich fragte, ob das von der Narkose käme und sie befand, dass ich wohl extrem auf das Mittel reagiere. Zwei Spritzen und ein halbe Stunde später, hatte ich eine halbseitige Gesichtslähmung und man hätte mir die Nase abhaken können, ohne dass ich etwas gemerkt hätte. Nach der Behandlung wartete ich die vorgeschriebene Stunde, bevor man wieder ein Fahrzeug führen durfte und wollte nach Hause fahren. Ich kam etwa vier Straßen weiter, da staute sich auf dem Hellweg in Unna mal wieder der Verkehr vor der einspurigen Eisenbahnbrückenunterführung. Ich wartete in einer Schlange, das der entgegenkommende Verkehr abfloss und näherte mich in einem ewigen „stopp and go“ der Brücke. Endlich nur noch ein Friseusenpanzer vor mir (Möchtegerngeländewagen in Spielzeuggröße).  Im Augenwinkel nahm ich wahr, wie der Wagen anfuhr und fuhr auch los. Das nächste was ich hörte war ein dumpfer Aufprall von Metall auf Metall und ein leises Scheppern. Wir fuhren rechts ran und stiegen aus. Ich schaute mir den entstandenen Schaden an, während die Beifahrerin, mit deutlicher Suchttendenz für Asitoaster für meine Ohren unendlich schrill und verzerrt auf mich ein keifte. Ich kniete zwischen den Wagen, dem Kasperjeep war aufgrund einer Anhängerkupplung und des obligatorischen Rückdämpfers in Form eines Reserverades auf der Kofferraumhaube nichts geschehen. Eigentlich zu erwarten, schließlich war ich auch nur angefahren  und nicht volle  Messe mit Anlauf in deren Karre gebrettert.  Mir war, ob der Anhängerkupplung, mein Nummernschild verlustig gegangen, konnte es jedoch bis auf die Plastikblende unversehrt wieder einsammeln. Die Diskopalme zeterte weiter in meinem Rücken, ich hätte wohl telefoniert oder gepennt oder meinen Führerschein auf der Kirmes geschossen. So langsam nervte sie gewaltig und ich überlegte, ob ihr Verstand reichen würde, den Sarkasmus hinter einer Aussage a`la „Nein, die Fleppe gab es bei einer 10er Karte vom Sonnenstudio dabei, haben sie keinen bekommen?“, zu verstehen.  Langsam  stand ich auf und drehte mich zwar schuldbewusst,  aber leicht genervt um. Ich hob den Arm und wollte etwas zu meiner Verteidigung hervor bringen. Der Fahrer schaute mich an, das Gezeter seiner  Grazie verstummte schlagartig, sie schauten sich an, sie flüsterte mit weit aufgerissenen „Smokey Eyes :“ Schaaaattzzzz- komm schnell..“. Sie hasteten in ihren Wagen, knallten die Türen zu und waren weg, als wenn sie Bonnie und Clyde auf der Flucht wären.

„HÄH???!!“, stand vermutlich in dicken Lettern auf meine Stirn geschrieben, aber egal, kein Ärger, keine Anzeige, ich sammelte die Reste des Plastiks von der Straße und stieg auch ein. Ich nahm mein Handy und wollte meinen Vater anrufen, dass es ein paar Minuten später werden würde bis ich dem besten Sohn meine Brust ins Gesicht stopfen könnte. Während ich dem Freizeichen lauschte, viel mein Blick in den Innenspiegel, mein Gesicht sah aus wie nach einem Schlaganfall, mit hängendem Unterkiefer, meine Augen waren rot unterlaufen und aus meinem Mundwinkel flossen munter Bäche von blutigem Speichel, die sich mit dem flüssigen Rotz aus meiner Nase auf meiner Jacke wieder vereinten und lustige Muster zeichneten. Ich hätte wohl auch die Flucht ergriffen, bevor ich in den Genuss gekommen wäre Ersthelfer zu spielen oder Opfer einer offensichtlich durch geknallten, voll breiten Junkiebraut zu werden.

Seitdem weiß ich und meine Ärztin, das wenn Narkose, dann bitte ohne Adrenalin und nur mit persönlichem Chauffeur. Nebenbei kontrollieren die netten Arzthelferinnen immer mein Gesicht, bevor ich mich wieder auf die Straße stürze, auf dessen Gesellschaftsfähigkeit.

Heute, nichts von alledem, nur Kontrolle, polieren, fertig und das Beste- einen (fast) terminlosen Tag. So geht Zahnarzt!


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