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„Pfingsten“

„Alles fließt“ , ist von Heraklit und mein Lebensmotto. Die Idee, dass nichts im Leben so beständig ist, wie die Veränderung, ist Antrieb, evolutionärer Motor, Überlebensprogramm und Inspiration. Wenn das Leben stetig im Fluss ist, sagt das noch nichts über die Fließgeschwindigkeit. Es gibt sicherlich Zeiten, in denen ist das Leben ein langer ruhiger Fluss, meistens ist es in meinem Fall jedoch ein munter sprudelnder Bach mit kleinen und großen Stromschnellen und der einen oder anderen Klippe, die meine persönliche Fallhöhe ausmachen. In stürmischen Zeiten schwillt der Fluss auch schon mal derart an, dass ich Gefahr laufe, darin zu ersaufen. Bei all dem anstrengenden Kopf über Wasser halten, strampeln und prusten, sehnt man sich nach dem Vertrauten, nach ein paar verlässlichen Größen. Eine Konstante in unserem Leben, ist unser Freundeskreis. Es ist ein vergleichsweise großer Freundeskreis und Freunde, meint Freunde, nicht Bekannte. Teile des „Inner Circle“ kennt sich schon über Jahrzehnte. Etwas das sicher ist, wie eine Bank, ist die jährliche Pfingstfahrt. Waren die ersten Touren noch auf dem Moped und der 80er und mir nur aus Erzählungen bekannt, wurden die Motorisierungen im Laufe der Jahre größer, die Besetzung änderte sich, bis auf einen immer gleichen harten Kern, die Beziehungen änderten sich, in Zusammensetzung und /oder Status, die Ziele mal näher, mal weiter, der Komfort wuchs parallel zu unserem Alter und wachsendem Familienzuwachs. Einzig das obligatorische Lagerfeuer und bevorzugte Getränk der Wahl blieb all die Jahre , ein frisch gezapftes Pilsken. Oder auch Zwei…

In den letzten Jahren, fahre ich immer nur für eine Übernachtung unserer Truppe hinterher.  Vielleicht ist dieser Abend für mich deshalb so sehr besonders. Ich kenne es noch sehr gut, dieses Gefühl, wenn man verspätet in eine laufende Veranstaltung platzt, in 9 von 10 Fällen, ist es ein deplatziertes, Gefühl der Fremdheit. Selbst Freunde, muss man sich in solchen Momenten erst einmal wieder erarbeiten. Dieses etwas zu ambitionierte „Hallo“ meinerseits, das abrupte Stoppen der laufenden Gespräche, leicht irritierte Aufschauen und das Gefühl eigentlich zu stören. Nicht bei diesen Menschen. Man hört schon von Weitem das angeregte Gesabbel,  riecht das Lagerfeuer, hört Heavy Metal Blutspuckergeschrammel, dann erblickt man die Wagenburg, Wohnwagen, Zelte, lange Reihen von Tischen und Stühlen, sprechen vom gemeinsamen Abendmahl an langer Tafel. Um eine Feuerschale sitzen ein paar vertraute Menschlein, hier und dort kleinere Gruppen. Und dann der Moment, wenn sie dich entdecken. Eine Welle, ein Name, ein in den Arm nehmen, Gelächter, ein paar Sprüche, Fragen nach der Fahrt. Heim kommen, geht vermutlich genauso.

Abends dann am lodernden Feuer, wie immer auf der verkehrten Seite, mitten im beißenden Qualm, aus dem Pavillon dröhnt Musik, die jüngere Generation , wie selbstverständlich mitten unter uns, keiner von ihnen wurde zu diesem Trip gezwungen, sie kommen gerne, freiwillig und halten länger aus als wir. Leise Gespräche mit dem Nebenmann, laute Gespräche quer über den Kreis, Bierkrüge wechseln von leer zu voll und umgekehrt, den dazu gehörigen Menschen geht es ebenso, allerdings kommt nach voll niemals leer, zumindest nicht am gleichen Abend.Alte Geschichten wärmen die Seele, Alkohol, Decken und Feuer die kalten Knochen. Wetter gehört nämlich zu den verlässlich unbeständigen Dingen an Pfingsten. Die Geschichten sind Kulturgut unserer Gruppe und auch die Jungen , kennen sie in und auswendig.  Ein Freund schaut verträumt und  sinnierend in die lodernde Glut, nimmt einen tiefen Schluck und raunt,: „Ja, all diese alten Geschichten. Aber wir haben wenigstens Geschichten, die wir erzählen können. Und was für Geschichten.“ Glücklicherweise kommen in jedem Jahr neue Anekdoten hinzu. So auch dieses Jahr.

Der Morgen danach. Irgendwann gegen 10 Uhr, krabbeln die meisten Alten und ein paar Junge aus ihren Schlafstätten, mit mehr oder weniger Elan, Falten und einem ersten Kaffee der tote Tanten weckt in der Hand. Kritische Blicke in den Himmel, vergleiche der Wetter Apps und vorsichtigen Ausblick auf die Tagesplanung. Natürlich werden auch die Ereignisse des letzte Abend Revue passiert  gelassen. Schließlich wird der Tagessieger gekürt, heißt demjenigen Ehre gewährt , dem Ehre gebührt, weil er das Feuer und die Zapfe abgeschlossen hat. Als an diesem Pfingstsonntag, die Altvorderen die Tische zum Frühstück richteten und ihre Falten aus dem Gesicht weg schlugen, lugte auch der Eine oder Andere der Next Generation aus ihren Jogginghose und Birkenstockschlappen. Auf die harmlose Frage, wer denn von den „Kurzen“ noch wie lange gezaubert hätte, kam ein vages bis drei oder so… Mein Sohn stand, Hände tief in die Hosentaschen vergraben und lächelte ,: „Übrigens der „J“ ist gestern noch in die Diemel gefallen.“ Er drehte sich weg, nach entsetztem Schweigen, brach eine Armada von Fragen über ihn herein. Die Besorgnis lag in der Absturzstelle begründet. Die Diemel war an dieser Stelle tief, kalt und hatte Unterströmungen, zudem war das Flussufer sehr steil, lehmig und mit Brennnesseln überwuchert. „J“ war ein guter Kumpel einer unserer Jungs und zum ersten Mal dabei. Trotz eingehender Einführung in die hohe Kunst des stehenden Pinkelns vom steilen Flussufer in denselben bei 12 bar im Schädel , ausgesetzt den Elementen und leichter Rauchvergiftung. So wurde immer jeder Neue von einem der Weisen in die Pissregeln aufs Genaueste eingewiesen, einschließlich der Fußstellung, Winkelung der Gehstelzen und dem Anpressdruck der Schultern am dahinter liegenden Wohnwagen. „J“ hatte wohl ähnlich wie bei den Sicherheitseinweisungen in Flugzeugen oder Schiffen in seinem jugendlichen Leichtsinn und dem Nimbus der Unsterblichkeit weg gehört. Ein Fehler. Einer von Vielen. Zu viel frische Luft, wird gerne ebenso von Neulingen unterschätzt, wie ihre Trinkfestigkeit über einen längeren Zeitraum bzw. wechselnde Getränke. Hier braucht es Steher, keine Sprinter. Die Wahl der Schuhe, auch ein wichtiges Thema. Für die Meisten gilt, slippery when wet. Und je steiler das Ufer, desto schneller das „AAAAAAAARRGGHHHH“ und umso härter das „SQUATSCHHHHHH“.  Schwierig ist im Allgemeinen für Neu und Nichtcamper die Einschätzung des adäquaten Dresslooks.  Merke: stylisch ist okay, aber selten warm. Mehrere Lagen sind okay, aber nur bestimmte Materialien übereinander in der richtigen Reihenfolge , machen wirklich warm und eventuell trocken. Unser „J“ hatte nur Klamotten dabei, die ihn nicht nur metaphorisch zum Frischling machten. Glücklicherweise, haben die alten sterblichen Frierwürste mit den Gichtknochen, für diese Härtefälle immer eine Jacke über. Pech ist, mit diesen Etwas eigenes, Etwas geliehenes und etwas blau, in einen Fluss der gerade mal 5 Grad kalt ist abzustürzen.Das allgegenwärtige Smartphone in der Hosentasche mal nicht zu vergessen. Blöd ist auch, zu einem Zeitpunkt abzustürzen, wo alle Übriggebliebenen gleich jung und ähnlich voll sind.Heißt, Alle hören es platschen, keiner schaltet, einer denkt es wäre ein Stein und der Rest vergisst, dass du weggegangen bist. Nach fünf Minuten dann der erste Baywatchrettungsversuch. Ende der Geschichte, Jeans zerfetzt, alles nass und dreckig, Pusteln von den Brennnesseln, ein Mazda der unter nassen Klamotten begraben ist, obwohl es regnet, das wohlmeinende Gespött, aber auch das Mitleid auf seiner Seite und eine neue ewige Geschichte am Lagerfeuer. Danke. Ich freue mich jetzt schon auf nächstes Jahr. Eine Konstante in meinem Leben, die so herrlich unbeschwert daher kommt.


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