„Gustav Garas“

Wollte ja schon lange mal wieder ein paar Zeilen auf den Bildschirm werfen, war aber blockiert. Also keine klassische Schreibblockade, eher eine emotionale Barriere. Wie kann das denn passieren? Nichts Blondes mehr passiert? Keine Komplettausfälle mehr in meinem störanfälligen System aus Balanceakt und Jongliernummer? Leider Nein, leider gar nicht. Das mentale Chaos zu beherrschen und auch das im Kopf, ist immer noch meine erste olympische Disziplin. Ich bin schlicht und ergreifend stinkensauer gewesen. Also nicht als  Lebenszustand, keinen Wutsuite als Ganzkörperburka oder so. Meine Verstimmung bezog sich explizit auf mein Geschreibsel und das schwierige Recht auf geistiges Eigentum.  Eine Sache, die ich im Normalfall sehr entspannt sehe. Ich schreibe meine persönlichen Texte fast wie manisch runter, um sie mit dem letzten Punkt loszulassen. Aus dem Hirn, durch die Finger, aus dem Sinn. Anders ist es, wenn es sich um eine Auftragsarbeit aus meinem Beruf handelt. Ab und an, schreibe ich populärwissenschaftliche Essays zu mir angetragenen Themen. Ich denke, es bleibt immer mein Stil mit dem ich jedes Projekt angehe, aber diese Texte machen viel Arbeit, um sie verständlich, interessant und trotzdem sachlich korrekt auf den Weg zu bringen. Je mehr Zeit und Herzblut in ihnen steckt, desto banger beobachte ich ihre Außenwirkung und fühle die Ohnmacht, sie kaum schützen zu können. Ich bin ein großzügiger Mensch. Punkt. Bis zu dem Punkt, wenn ich mich ausgenutzt oder nicht ernst genommen fühle. What happened to my ego? Time Warp. Vor etwa vier Wochen klingelte mein Hausanschluss. Eine Nürnberger Vorwahl. Da ich dort eine wunderbare Kooperation mit den Kolleginnen der „Easy Dogs“ pflege, nahm ich freudig den Anruf entgegen. Eine auf fränkische Weise das „R“ rollende Frauenstimme drang an mein Ohr. Schon der erste Satz, ließ mein Stimmungsbarometer wieder gen Null fallen. Es war nicht die zauberhafte Claudia sondern irgendeine Huber Hannerl (Name von der Schreibsdings geändert), die sich willkommen fühlte, mir ihr unfassbar einmaliges Angebot zu unterbreiten. Sie betete ihren Sermon , ohne einmal Luft zu holen herunter, um die Gefahr von unliebsamen Unterbrechungen meinerseits zu minimieren. Kurz, sie vertrat eine ansässige Tiernahrungsfirma, deren Erfolg auf einem Verteilersystem von Franchisenehmern beruht, die die Waren über kostenfreie Beratungsgespräche in ihre Wohnzimmer und die Schlünden der Fellkinder liefern. Hat ein bisschen was von den Scientölengy. Obwohl sie jedes meiner abwehrenden Argumente, mit einem neuen, auf mich zugeschnittenen Modell für Einsteiger totsabbelte. Was ist eigentlich an „Nein. Niemals.“, Nicht zu verstehen? Egal, wir einigten uns, dass ich ihr Futter niemals nicht an wen auch immer verkaufen würde. Und auch meine Fellkinder sicher keine Abnehmer für ihre bestimmt unfassbar, reines, hochwertiges, chemie-, getreide-, zusatzstoffreies, politisch korrektes  Superfood für Viecher, sein werden. Im Normalfall dauert so eine Anfrage an mich, maximal 17 Sekunden, dieses Ding dauerte schon viel zu lange. Endlich gab sie auf, gerade rechtzeitig bevor mein „Sei-freundlich,-sie-macht-auch-nur-ihren-Job Kontingent“ komplett aufgebraucht war. Ich legte auf und sann dem Klang ihrer Stimme eine Zeit nach. Sie hatte mit Nennung der Firma, irgendeine, tief in mir verschüttete Information, einen offenen Punkt auf einer imaginären Bucketliste frei gelegt. Stimmt. Da war noch Etwas. Nichts Gutes ahnend öffnete ich meinen Schlapple und begann zu recherchieren. Schnell fand ich was ich suchte, ich las und erstarrte. Dieser miese alte Misanthrop! Ich hasse Ungerechtigkeit, besonders hasse ich es ungerecht behandelt zu werden und am aller, aller Mehrsten hasse ich es, wenn ich keinerlei Handhabe besitze, um mich dagegen zu wehren.

 

 

Anfang dieses Jahres, rief mich ein älterer Herr aus Nürnberg an. Er stellte sich als der weltgrößte Zampano auf dem Hundeblättchenprintmarkt diesseits und jenseits von Deutschland vor. Er hatte zufällig zwei, drei meiner Artikel für ein Onlinehundemagazin gelesen und zeigte sich interessiert, Diese in seinem Druckimperium einen angemessenen Platz einzuräumen. Es sollte mein Schaden nicht sein, die Summen, die er in den Raum schmiss, machten mich skeptisch, schließlich war ich kein Profi. Meine Bilder seien natürlich redaktionell nicht zu gebrauchen für die breite Leserschaft und müssten ausgetauscht werden, das Sujet sollte inhaltlich bleiben, allerdings interessiere ihn nur die Kernaussage, schließlich seien meine Vorlagen viel zu komplexe Mehrteiler. Sooooo viel Input und Lesestoff mit soooo wenig bunten Bildern, wollte er seinen Lesern nun wirklich nicht zumuten. Schuldig! Asche auf mein Haupt. Da hatte ich natürlich Verständnis für. Ebenso wie er für mich, die von seinem Stück Weltliteratur auf dem Weg zum Pudelitzerpreis oder dem güldenen Hundeknochen, noch nie etwas gehört bzw. gelesen hatte. Ich wollte mir sein Blättchen erst einmal anschauen, bevor ich in die eine oder andere Richtung entscheiden wollte. Fand er voll okay. Dreist- ja. Naiv- ja. Aber generös aus dem geriatrischen Blickwinkel auf diese verrückte Welt gesehen- okay. Gesagt, getan. Mir war schnell klar, dass sich hier ein Franchisegeber für Hunde- und Katzenfutter, eine kleine, persönliche Plattform mit einer vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift als Werbeträger für die eigene Kundschaft erschaffen hatte. Natürlich völlig unabhängig, frei, wie Journalisten nun mal so sind. Ist purer Zufall, dass auf der ersten Seite, im Editorial, in allen Anzeigen und Texten zur Ernährung, besagtes Futter in Text und Bild, beworben wird. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Am nächsten Tag zur verabredeten Zeit hatte ich wieder den alten Mann und sein Schmäh am Ohr. Kennt ihr dass, wenn man Jemandem das erste Mal am Telefon spricht und spontan weiß, dass es genau der eine Mensch ist, auf den wir den Rest unseres Lebens absolut verzichten können und auf jeder privaten Ebene, einfach im Gespräch stehen gelassen hätten?  Jepp, kennt ihr. Ich jetzt auch. Menschen, die Alter als herausragende Eigenleistung empfinden, einen permanent unterbrechen, um in langatmige, selbstgefällige Vorträge zu verfallen, keine noch so einfach gestellte Frage beantworten und ständig mit ihrem Status, Alter oder was auch immer in diesem Zusammenhang völlig Unerheblichem  kokettieren. Das Gespräch wurde lang und länger und als ich seine Firma in die Nähe von Franchisesystem rückte, sprang er mir fast durch den Hörer. Er echauffierte sich über Minuten, wie weit weg von dem bösen Wort „Franchise“, wie fair, wie glücklich seine Firma seine Mitarbeiter mache. Vielleicht beendete ja ein barmherziger Herzinfarkt sein unseliges Geseier. Nein, kein schnelles Ende in Sicht. Die blumigen Beschreibungen seines Systems, dass er höchstselbst erfunden haben möchte, hörte sich alles ein wenig zu sehr an, als würde jeden Moment die sommersprossige Laura aus „Unsere kleine Farm“ mit wippenden HopSingZöpfen, über eine sonnige Blumenwiese trollen und ihre dusselige kleine Schwester mit einem Tritt in den Windelhintern einen Brennesselhang herunter kicken, um grenzdebil in die Kamera zu grinsen, während dessen der kleine Wonneproppen, sich überschlagend und hopsend wie ein dicker Medizinball, mit einem fröhlichen Schrei am Fuße des Hanges durch einen freundlichen Felsen abrupt gestoppt würde. Ist eigentlich schon Irgendwem aufgefallen, dass HopSing aus Bonanza vermutlich der leibliche Vater von Laura Dreikäsehoch ist? Nix „Ja. Pa.“ . Stattdessen „Du hölen HopSing? Du hungelig?“ Aber das muss unbedingt unter uns bleiben! Es wäre ein unfassbarer Skandal, wenn das publik würde……. „Ja, ich hätte gerne die Bilder von ihrer HP mit dem Schäferhund!“ Langsam tauchte ich wieder auf und bemerkte, dass mein Ohr mit dem Telefonhörer verschmolzen sein musste. Der Verdacht, dass mir Blut aus den Ohren lief, ob der Eigenlobhudelei am anderen Ende, bestätigte sich nicht. Es war einfach heiß gelaufen und schützte sich mit feinen Rinnsalen von Schweiß gegen das Durchbrennen. Lustig, wenn man den alten Knochen nur fest genug gegen die Ohrmuschel presst, hört man- nein nicht das Meeresrauschen- also wirklich denk mal nach! Man hört die Stimme des Anderen, wie dereinst die Stimme der Lehrerin bei den Peanuts, wenn sie Peppermint Patty zurecht wies. Wahwoahwahwoooawoawowwahwaohh. Cool, muss ich mir merken. Gerade rechtzeitig konnte ich mich bremsen, ihn darüber zu belehren, dass es sich nicht um einen Schäferhund handelt. Ziemlich sicher, hätte dies unweigerlich den nächsten Schwall von Wortlawine losgetreten unter der ich auf ewig begraben sein würde. Am Ende hätte ich erfahren, dass ich sehr wohl einen deutschen Schäferhund mein eigen nenne und sämtliche seiner deutschesten aller Hunde mit Stammbaum und Titeln national und international kennen gelernt. Rechtliche Einwände meinerseits mit der Bitte meine Auftraggeberinnen der Ursprungstexte zumindest um ihre Freigabe zu bitten, wischte er großzügig mit ein paar markigen „Ich kenn mich aus im internationalen Presserecht“ Paragraphenfrasenschwallschwallworten hinfort. Ich kürzte die Nummer ab, indem ich mir vorbehielt mich darum lieber selber zu kümmern. Recht hin, Recht her, hier ging es mir um Fairness und meine Glaubwürdigkeit. Ich klärte die rechtlichen Schritte, schickte die gewünschten Bilder, träumte kurz von dem Handy, welches ich von dem unerwarteten Saler erwerben könnte und vergaß.

Bis, ja bis zu diesem Anruf von „Join us! Be part of the party. Our great Fresschen-for-Fiffi-Family. Da hatte ich es auf einmal wieder auf dem Radar. Die gefragten Texte hätten nach Absprache in den letzten zwei avisierten Ausgaben erscheinen müssen. Fluch und Segen, dass es heute jeden Rotz auch Online gibt. Ich suchte und fand. Drei Texte in zwei Ausgaben, mit exakt den Themen, die er angesprochen hatte. Professionell von einer CSO Schreiberin bearbeitet. So, verändert, dass nur ich ihn wieder erkannte. Woran? Nun, wie gesagt, ich habe einen sehr eigenen Stil mich einem Thema zu nähern, unwahrscheinlich, dass es Jemand genauso angeht und auch noch die gleichen Wege der Recherche und Querverweise geht. Ich war so was von AAAAAARRRGGGGHHHHHHH. Dieser alte Sack! Boahhhhhhhhhhhh, was für eine widerwärtige Kombi, wutschnaubend und ohnmächtig. Kurzfristig hatte ich echt Schaum vor der Schnauze. Zufällig lese ich heute mein Horoskop in der Rundschau. (Keine Sorge, es steht einfach genau neben „Hägar, der Schrecken des Nordens“, ein Muss am Morgen.) Das Horoskop sagt: „Im Kräftemessen mit einer bestimmten Person ziehen Sie leider den Kürzeren. Machen Sie daraus kein Drama. Das passiert! Das nächste Mal sitzen Sie wieder am längeren Hebel.“ Hägar war lustiger, definitiv. Aber ich dachte so bei mir, okay, mach ich kein Drama draus. Mach ich doch einfach eine Tragikomödie daraus. Et voila`! Wut wech, Blockade ooch, ich froi ma wi Bolle. Läuft. 

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